
Am Morgen des 7. Dezember konnte Mika die feinen braunen Linien auf Mamas rotem Nikolausstiefel erkennen, obwohl im Wohnzimmer noch kein Licht brannte. Sonst musste er hinter der Schrankwand morgens mit den Schnurrhaaren nach seinen Sachen tasten. Heute lag sogar auf dem Boden ein heller Streifen.
Er war eben dabei, nachzusehen, woher das Licht kam, als im Obergeschoss eine Tür aufflog. Lina rannte die Treppe herunter. Bei den letzten Stufen sprang sie, wie Mika am Geräusch erkennen konnte, und kurz darauf wurden im Wohnzimmer die Vorhänge auseinandergezogen.
„Es hat geschneit!“, rief sie in Richtung Küche. Ihr Vater kam dazu, und beide blieben am Fenster stehen. Mika schob sich bis zum Spalt hinter der Schrankwand vor. Von dort sah er allerdings nur Linas Hausschuhe und den unteren Teil des Vorhangs.
Schnee kannte Mika hauptsächlich aus Mamas Erzählungen. Ein paar Flocken hatte er schon gegen das Fenster treiben sehen, aber bis er sie richtig anschauen konnte, waren sie geschmolzen. Wie ein ganzer Garten unter Schnee verschwinden sollte, konnte er sich nicht vorstellen. Wo blieben dann die Wege und all die Dinge, die auf der Erde herumlagen?
Mama Maus schlief noch. Erst als aus der Küche das Klappern der Frühstücksteller kam, weckte Mika sie. Er berichtete von dem Schnee und wollte unbedingt ans Fenster. Mama räkelte sich gemütlich und stand schließlich auf. Besonders eilig hatte sie es nicht; der Garten werde schon noch da sein.
Zum Fenster hinauf führte der schwere Vorhang. An den groben Fäden konnten Mäuse gut klettern. Auf der Fensterbank stand ein großer Weihnachtsstern in einem cremefarbenen Topf. Hinter seinen roten Blättern hatte Mika schon einmal gesessen, als Lina nach einem verlorenen Haargummi suchte. Obwohl sie zweimal am Fenster vorbeigegangen war, hatte sie ihn nicht entdeckt.
Solange die Familie frühstückte, war der Weg frei. Mika stieg zuerst am Vorhang hinauf. Oben bildete der Stoff eine Falte, über die er sich mühsam hinwegziehen musste. Dann schlüpfte er zwischen die Blattstiele. Mama folgte ihm und ließ sich auf der anderen Seite des Topfes nieder. Viel Platz hatten sie nicht. Mika legte seinen Schwanz um den Körper, damit er nicht zwischen den Blättern heraushing.
Draußen war der Garten kaum wiederzuerkennen. Die Beete gingen ohne Grenze in den Rasen über. Auf der Mauer lag eine dicke weiße Schicht, und selbst die Gießkanne trug eine Haube. In den Ästen des Apfelbaums hatten sich Schneehaufen gesammelt. Unter dem Baum waren mehrere Löcher, wo schon etwas heruntergefallen sein musste. Zwischen den Steinen der Terrasse war kein einziger dunkler Strich geblieben.
Auf der Terrasse führten Linas Stiefelspuren in den Garten und wieder zurück. Mika folgte ihnen mit den Augen. In eine solche Spur hätte er sich bequem hineinsetzen können; für den nächsten Abdruck hätte er einen ordentlichen Anlauf gebraucht. Daneben sah der Schnee noch unberührt aus. Mika hätte gern ausprobiert, ob er bis zu den Ohren darin versank.
Die Terrassentür wurde geöffnet, ehe er weiter darüber nachdenken konnte. Lina kam mit Mütze, dicken Handschuhen und einer Schüssel unter dem Arm heraus. In der anderen Hand hielt sie einen Esslöffel. Sie stapfte ein paar Schritte bis vor das Fenster, kniete sich in den Schnee und stellte die Schüssel neben sich ab.
Lina schob Schnee zwischen den Handschuhen zusammen und rollte daraus eine Kugel. Darauf setzte sie eine kleinere, die sie mit den Fingerspitzen festdrückte. Der Kopf rutschte erst nach links. Lina stützte ihn mit etwas frischem Schnee, bis er hielt. Dann nahm sie zwei kleine Klümpchen für die Ohren. Aus ihrer Schüssel holte sie zwei kleine schwarze Knöpfe für die Augen und eine rote Beere, die sie der Schneemaus als Nase ins Gesicht drückte.
Erst der Zweig, den Lina unter dem Apfelbaum suchte, verriet, was sie vorhatte. Sie steckte ihn hinten an die untere Kugel. Vor dem Fenster saß nun eine kleine Schneemaus! Ein Ohr war größer als das andere und stand etwas schief. Der Zweigschwanz berührte den Boden. Schnurrhaare hatte sie keine, die hatte Lina wohl vergessen.
Mika hätte die Schneemaus am liebsten von allen Seiten besichtigt. Er drängte sich zwischen zwei rote Blätter, bis seine Nase die Scheibe berührte. Mama zog ihn an seinem Rückenfell zurück. Lina war so nah, dass sie nur einmal den Kopf zu heben brauchte. Mika blieb hinter dem Weihnachtsstern, aber von nun an ließ er die Schneemaus nicht mehr aus den Augen.
Lina trug weiter Schnee aus der Umgebung zusammen und klopfte ihn mit den Handschuhen fest. Der Hügel wurde lang und schmal; an einem Ende fiel er steiler ab als am anderen. Mika rechnete mit einer zweiten Schneefigur. Allerdings hätte dieses Tier einen außerordentlich langen Rücken gehabt.
Lina nahm den Esslöffel und zog mit dessen Rücken eine Rinne durch den Schnee. Sie begann oben auf dem Hügel, lief ein Stück geradeaus, bog um die Schneemaus herum und endete unten an einem kleinen Wall. Die äußere Seite der Kurve bröckelte zweimal ab. Lina häufte neuen Schnee daran und drückte ihn mit der flachen Hand fest. An einer Stelle war die Rinne so schmal, dass sie den Löffel hochkant halten musste.
Als Lina fertig war, verschwand sie im Haus. Die Schneemaus blieb neben der seltsamen Rinne zurück. Mika untersuchte den Hügel mit den Augen, von der Spitze bis hinunter zum Wall. Viel Zeit blieb ihm nicht, denn die Terrassentür ging schon wieder auf. Lina hatte diesmal weder Schüssel noch Löffel bei sich. In ihrer Hand lag eine halbe Walnussschale.
Lina stellte die Walnuss oben in die Rinne, hielt sie kurz fest und ließ los. Erst bewegte sich die Schale nur schwer. Auf dem steileren Stück kam sie in Fahrt, rutschte durch die Kurve und kippte unten in den Schnee. Lina holte sie zurück, verbreiterte mit dem Löffel eine Stelle in der Kurve und versuchte es noch einmal. Jetzt blieb die Walnuss aufrecht und landete im Schneewall.
Nun verstand Mika endlich, weshalb der Hügel eine Rinne hatte. Eine Rodelbahn! Und als Schlitten diente ausgerechnet eine Walnussschale, wie Lina sie ihm und seiner Mama am Nikolaustag geschenkt hatte. Die beiden Stiefel waren liebevoll mit Wollrändern versehen, Mikas blau, Mamas rot. Diese Schale dagegen war schlicht und innen glatt. Mika stellte sich vor, wie er darin durch die Kurve fuhr, den Schwanz über den hinteren Rand gelegt. Er müsste nur unbemerkt zur Bahn gelangen.
Lina probierte die Bahn noch einige Male aus. Bei einem Versuch nahm die Walnuss die Kurve zu weit und blieb neben der Schneemaus liegen. Daraufhin bekam der äußere Schneerand eine Verstärkung, und die nächste Fahrt gelang. Schließlich stellte Lina die halbe Walnussschale sorgfältig oben an den Start, rückte sie gerade und steckte den Esslöffel neben die Schneemaus. Dann klopfte sie sich den Schnee von den Handschuhen.
„Sie lässt die Walnuss dort“, flüsterte Mika. „Meinst du, Lina hat die Bahn für uns gemacht?“
Seine Mama sah auf die Rinne hinunter. Seit dem Nikolaustag traute sie Lina durchaus zu, sich etwas für die Mäuse auszudenken. „Es sieht fast so aus. Aber nicht jetzt, mitten am Tag. Wir wissen nicht, wann Lina oder ihre Eltern wieder in den Garten kommen.“
Mika wusste selbst, dass man vor Linas Eltern nicht einfach durch den Garten laufen konnte. Trotzdem wäre er am liebsten am Vorhang hinuntergeklettert und hinausgeschlüpft. Die Walnuss wartete schließlich schon oben am Start.
Gerade richtete Lina sich wieder auf, als sie den Blick zum Fenster hob. Mika bemerkte es erst, als sie schon herübersah. Er fuhr hinter das rote Blatt zurück und streifte dabei den Blumentopf. Ein trockenes Blatt fiel auf die Fensterbank.
Mama blieb still sitzen. Lina sah noch einen Augenblick herauf, dann lächelte sie, zog ihre Mütze tiefer und ging hinein. Mika glaubte, Lina müsse die Bewegung bemerkt haben. Seine Mama schob ein geknicktes Blatt zurück an seinen Platz und sah noch einmal in den Garten.
Bis zum Mittag schaute Mika mehrmals nach der Bahn. Einmal kletterte er allein zum Weihnachtsstern hinauf. Die Walnuss stand noch immer am Start, und die Schneemaus hatte den Kopf ein wenig schief gelegt. Später suchte er unter dem Wohnzimmertisch nach Krümeln und brachte seiner Mama ein besonders großes Stück. Dabei erzählte er ihr, wie schmal die Kurve draußen eigentlich war.
Am Nachmittag verdunkelte sich das Fenster. Große Flocken trieben am Glas vorbei, und bald war der Garten hinter ihnen nur noch undeutlich zu erkennen. Mika war rasch wieder oben. Draußen war die Schneemaus bereits bis zu den Schultern neu eingeschneit. Auf der Walnussschale lag eine weiße Schicht, und von der Rinne war in der Kurve kaum noch etwas zu sehen.
Wenig später erschien Lina noch einmal. Sie nahm den Esslöffel und schob den lockeren Schnee aus der Rinne, erst oben, dann in der Kurve und bis zum kleinen Wall. Wo der feste Untergrund nicht gleich zu finden war, arbeitete sie vorsichtig. Zwei brüchige Stellen drückte sie neu an. Anschließend befreite sie die Schneemaus von ihrer weißen Haube und setzte ihr rechtes Ohr wieder fest, das unter dem Schnee nachgegeben hatte.
Die Walnussschale klopfte sie gründlich aus. Dabei fiel ein kleiner Schneepropfen heraus, der in der Schale stecken geblieben war. Lina stellte sie zurück an den Start, steckte den Löffel wieder neben die Schneemaus und ging ins Haus. Eine weitere Probefahrt machte sie nicht.
Mika hatte vom Fenster aus zugesehen. Beim ersten Mal hätte Lina die Walnuss noch vergessen können. Jetzt hatte sie die ganze Bahn freigeräumt und den Schlitten wieder zurechtgestellt. Besonders an der Kurve hatte Lina lange gearbeitet. Mika sah sich die Stelle genau an.
Am Abend erzählte Lina ihrem Vater, sie habe im Garten etwas gebaut. Was es war, wollte sie nicht verraten. Ihr Vater meinte, er werde es morgen gewiss entdecken. „Ansehen darfst du es“, sagte Lina. „Aber fahren kannst du damit nicht.“ Mika hörte das hinter der Schrankwand und musste an den großen Mann in einer halben Walnuss denken.
Später wurde es im Erdgeschoss still. Lina kam noch einmal ins Wohnzimmer, zog den Vorhang ein wenig zur Seite und blickte hinaus. Die Gartenlampe beleuchtete die Schneemaus und den kleinen Hügel. Die Walnussschale stand noch immer oben. „Die Bahn ist fertig“, sagte Lina halblaut. Dann ließ sie den Vorhang zurückfallen und ging nach oben.
Mika lag hinter der Schrankwand auf seinem dunkelblauen Wollfaden. Wenn er die Augen schloss, sah er die Walnuss vor sich, wie sie im Bogen durch die Rinne fuhr. Morgen wollte er es versuchen, sobald der Garten leer war. Vielleicht war Lina aber den ganzen Tag zu Hause. Und solange ihre Eltern im Wohnzimmer saßen, konnte er ohnehin nicht hinaus.
Er fragte seine Mama, ob ein neuer Tag erst anfinge, wenn es hell werde. Nein, sagte sie, ein neuer Tag beginne um Mitternacht. Warum er das wissen wolle? Mika erklärte, er habe sich über das Datum Gedanken gemacht.
Mama zog ihr Papier bis über die Schultern. Sie ließ es dabei bewenden, sah aber noch einmal zu Mika hinüber. Er lag ungewöhnlich ordentlich da, die Vorderpfoten unter der Decke, den Schwanz dicht am Körper. Sonst hatte sie ihn vor dem Einschlafen mindestens zweimal auffordern müssen, ruhig zu bleiben.
Die Uhr im Flur konnte Mika sogar hinter der Schrankwand hören. Er wollte wach bleiben, wenigstens bis elf. Aus der Heizung kam ein Knacken, oben wurde eine Tür geschlossen, und aus der Küche klirrte Geschirr. Mika überlegte, ob die Fuge unter der Terrassentür noch breit genug war. Zuletzt hatte er sich im Sommer hindurchgezwängt.
Mama hörte ihn schließlich gleichmäßig atmen. Sie rückte das Papier über seine Pfoten, ohne ihn zu wecken. Als die Fluruhr elf schlug, hob sie noch einmal den Kopf. Mika rührte sich nicht. Mama zog ihr Papier zurecht. Bis Mitternacht war es noch eine ganze Stunde.











































