Weihnachtsgeschichte mit Tió de Nadal

Der heimliche Gast – Weihnachtsgeschichte mit Weihnachtsbrauch aus Andorra

VON Betina Graf

Laia ist sich sicher: Irgendjemand bedient sich heimlich am Futter für den Tió de Nadal. Doch wer schleicht nachts durchs Haus und lässt sogar angebissene Spuren zurück? Als Laia der Sache auf den Grund geht, wartet eine ziemlich unerwartete Entdeckung auf sie.

Weihnachtsgeschichte: Der heimliche Gast

Anfang Dezember kam der Tió wieder aus dem Keller. Laia wartete schon darauf. Noch bevor ihre Mutter einen Platz für ihn gefunden hatte, erklärte sie, dass sie sich in diesem Jahr allein um ihn kümmern würde. Nil sollte sich besser heraushalten. Ihr Bruder vergaß sowieso alles. Letzte Woche war Nil nach dem Sportunterricht einfach in seinen Turnschuhen nach Hause gegangen. Seine normalen Schuhe standen noch in der Umkleide.

Ihre Mutter stellte den dicken Holzklotz mit dem aufgemalten Gesicht neben das Regal im Wohnzimmer, legte die Decke über seinen Rücken und setzte ihm die rote Mütze auf. Sie saß ein bisschen schief. Laia ließ sie so.

Am ersten Abend legte sie dem Tió zwei Stücke Mandarine hin. Am nächsten Morgen waren sie weg. Am zweiten Abend bekam er Brot. Auch weg.

So sollte es sein.

Nur am Donnerstag fehlte zusätzlich ein Stück Käse, das ihre Mutter auf einem Teller liegen gelassen hatte.

„Hast du den gegessen?“, fragte Laia.

Nil saß auf dem Küchenboden und stocherte mit einem Löffel in einem Knoten seiner Schnürsenkel.

„Was?“

„Den Käse.“

„Mag ich doch nicht.“

Das stimmte. Nil ließ Käse normalerweise liegen, selbst wenn sonst kaum noch etwas im Kühlschrank war.

Am Freitagabend stand vom Abendessen noch ein Teller mit Schinken auf der Arbeitsplatte. Laia schob ihn ganz nach hinten. Als sie später in die Küche kam, fehlten trotzdem zwei Scheiben. Eine lag halb unter dem Esstisch.

Laia hielt ihrer Mutter die angeknabberte Scheibe hin.

„Aha“, sagte die und goss Kaffee ein.

„Was heißt aha?“

„Dass jemand den Schinken ziemlich dringend haben wollte.“

Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.

Am Abend stellte Laia einen Teller vor den Tió. Vier Haselnüsse und ein Stück Brot mit Käse. Den Käse hatte sie eigentlich nicht nehmen sollen. Ihre Mutter kaufte den guten samstags auf dem Markt in Andorra la Vella.

Kurz nach zehn schlich Laia noch einmal ins Wohnzimmer. Sie wollte sich hinter den Sessel setzen, aber dort lag ein Stapel Wäsche. Also nahm sie eine Decke mit aufs Sofa und wartete.

Nach einer Weile hörte sie ihren Vater im Bad. Draußen fuhr ein Auto vorbei. Laia wurde müde.

Sie hielt es eine ganze Weile aus, ohne den Teller anzurühren. Dann nahm sie doch eine Haselnuss. Wenig später noch eine. Beim Warten wurde man eben hungrig.

Als sie auf den Teller sah, lagen nur noch zwei Nüsse da. So konnte sie Nil morgen schlecht wegen verschwundenem Futter zur Rede stellen. Also legte sie eine zurück und zog die Decke bis unters Kinn.

Irgendwann musste sie eingeschlafen sein. Als sie wieder wach wurde, tat ihr das linke Bein weh, weil sie halb darauf gelegen hatte. Im Wohnzimmer war alles ruhig. Vor dem Tió lagen noch die drei Haselnüsse. Vom Käsebrot fehlte eine Ecke.

Laia rieb sich übers Gesicht und sah auf die Uhr. Kurz vor sechs. Draußen war es noch dunkel. Sie hatte die ganze Nacht verschlafen und wusste immer noch nicht, wer sich am Futter bediente.

Erst als sie aufstand und in Richtung Tió ging, sah sie etwas Graues unter einem der Stühle.

Weihnachtsgeschichte: Der heimliche Gast

Dort, unter dem Stuhl, hockte eine kleine graue Katze und sah Laia mit großen Augen an.

Laia ging langsam in die Knie. Die Katze rührte sich nicht. Vor ihren Pfoten lag ein Stück Käse.

„Na, du bist das also.“

Als Laia die Hand ein wenig ausstreckte, drückte sich die Katze weiter unter den Stuhl.

Laia kannte sie vom Hof. Sie gehörte dem alten Mann aus dem Haus schräg gegenüber, der morgens immer mit einer dunkelblauen Mütze zum Bäcker ging.

„Was machst du denn hier?“

Da schoss die Katze los, nicht zur Wohnungstür, sondern in Richtung Waschküche. Dort stand das kleine Fenster über der Spüle offen – weit genug, dass eine kleine Katze hindurchpasste.

Laia machte es vorsichtshalber zu.

Die Katze saß inzwischen hinter dem Wäschekorb.

„Bleib halt da. Ich hol Mama.“

Ihre Mutter kam im Schlafshirt, sah erst Laia an, dann die Katze und sagte etwas, das Laia nicht verstand, weil sie dabei gähnte.

Eine halbe Stunde später saß der alte Mann aus dem Haus gegenüber in ihrer Küche. Unter dem Mantel trug er noch seinen Schlafanzug. Seit Donnerstagabend hatte er Mixa nicht mehr gesehen. Am Freitag hatte er überall nach ihr gesucht und in der Nacht kaum geschlafen.

„Mixa“, murmelte er und strich ihr über den Kopf. „Da bist du ja, du kleine Ausreißerin.“

Nil war natürlich auch wach geworden. Er stand in der Küchentür und wollte wissen, ob Mixa jetzt jedes Jahr beim Tió mitessen dürfe.

„Nein“, sagte Laia.

Später am Morgen war schon wieder etwas aus der Küche verschwunden. Diesmal eine Mandarine aus der Obstschale.

Laia ging direkt in Nils Zimmer.

Auf seinem Nachttisch stand ein Teller mit Mandarinenschalen.

 


„Der heimliche Gast“ zum Ausdrucken

Wer Laia bei ihrer kleinen nächtlichen Spurensuche lieber auf Papier begleiten möchte, kann die Weihnachtsgeschichte hier als PDF herunterladen. Sie eignet sich zum Vorlesen, Selberlesen oder für eine gemütliche Lesestunde in der Adventszeit.

Der heimliche Gast

Was wissen Sie über den Tió de Nadal?

Mit dem Quiz können Kinder testen, was sie aus der Geschichte und über Andorra behalten haben. Die Quizkarten lassen sich außerdem ausdrucken und sammeln – vielleicht wächst daraus nach und nach eine kleine Sammlung mit Weihnachtsbräuchen aus ganz Europa.

Quiz zu Andorra