Am 1. Dezember wagt das Mäuschen Mika mit seiner Mama ein heimliches Abenteuer: eine rote Kerze soll zum ersten Mal leuchten. Doch als Menschenstimmen näherkommen, bleibt keine Zeit mehr, die Kerze auszublasen. Und plötzlich steht die Frage im Raum, wer die Flamme entfacht hat. Tochter Lina gerät unter Verdacht, bis ein scharfer Blick ein besonderes Detail entdeckt. Zwischen Herzklopfen, schlechtem Gewissen und klugen Vorsichtsregeln findet Mika heraus, was Mut wirklich bedeutet – und warum ein kleines Licht eine wundervolle Stimmung im Advent bringen kann.

Mäuschen Mikas „brennendster“ Adventswunsch
Es war am Abend des 1. Dezember, und hinter der Schrankwand im Wohnzimmer saß Mika, das Mäuschen, auf einem zusammengerollten Wollfaden und zappelte mit beiden Hinterpfoten.
„Hör auf damit“, sagte seine Mama. „Du stößt mir noch die Haselnussschale um.“
Mika zog die Pfoten ein. Zwei Atemzüge lang hielt es durch. Beim dritten zuckte das Mäuschen schon wieder unruhig.
Es lugte durch den schmalen Spalt ins Wohnzimmer.
Dort stand sie.
Die rote Kerze.
Seit dem Morgen dachte Mika an fast nichts anderes. Am 1. Dezember wurde bei den Menschen die erste Adventskerze angezündet. Mika hatte das im vergangenen Jahr aus seinem Versteck beobachtet. Damals war es noch kleiner gewesen, so klein, dass seine Mama ihm verboten hatte, auch nur bis zum Teppichrand zu laufen. Nun war Mika größer. Wenigstens seiner eigenen Auffassung nach. Und seit Wochen gab es für ihn einen Wunsch, der alle anderen Wünsche beiseiteschob: Einmal wollte es eine Kerzenflamme aus der Nähe sehen.
Zusammen mit seiner Mama.
Der Tisch im Wohnzimmer war schon vorbereitet. Auf einer weißen Untertasse stand die dicke rote Kerze. Daneben lag eine Streichholzschachtel, deren Schuber ein Stück offenstand. Jemand hatte sie am Nachmittag dort liegen lassen. Lina vermutlich. Lina ließ manches liegen: Buntstifte, Haarspangen, Radiergummis, gelegentlich sogar ein Stückchen Keks. Bei den Keksstückchen hegte Mika den Verdacht, dass ein Teil davon mit Absicht unter den Tisch geriet.
Draußen knisterte der Frost an der Scheibe. Drinnen roch es nach Brot, Apfelschale und dem Holz der warmen Heizung.
Mika konnte den Blick von der Kerze kaum lösen.
„Du willst also wirklich hinauf“, sagte seine Mama schließlich.
Mika wandte sich zu ihr um. In seinem Gesicht stand die Antwort längst geschrieben.
Die Mäusemama strich über ihre Schnurrhaare und betrachtete ihren Sohn von den Ohren bis zu den Hinterpfoten. „Dann hör mir gut zu. Wir gehen gemeinsam. Du bleibst bei mir, fasst das brennende Hölzchen niemals an und tust, was ich sage. Sobald draußen eine Tür geht oder Schritte kommen, verschwinden wir. Eine Kerze ist hübsch anzusehen, Mika, doch Feuer macht seine eigenen Regeln.“
Mika nickte so eifrig, dass seine Ohren wackelten.
Damit war es beschlossen.
Sie schlüpften hinter dem Schrank hervor und liefen dicht am Teppichrand entlang. Für Menschen war der Weg vom Schrank bis zum Tisch kaum der Rede wert. Für eine Maus dagegen bot ein Wohnzimmer genügend Hindernisse. Unter dem Sessel lag eine gewaltige Staubfluse. Neben dem Tischbein hatte jemand einen Bleistift fallen lassen. Der versperrte ihnen den direkten Weg.
Mika setzte zum Sprung an.
Seine Mama packte ihn am Schwanzansatz und raunte, dass für Kunststücke später Gelegenheit sei.
Also kletterte Mika über den Bleistift. Das sah erheblich weniger heldenhaft aus, war dafür aber sicherer.
Am Stuhl ging es hinauf. Erst über die Querstrebe, dann an der rauen Kante des Polsters entlang, schließlich zum Tischtuch. Seine Krallen fanden Halt im Stoff, und wenige Atemzüge später lugte sein Kopf über die Tischkante.
Die rote Kerze stand nun so nah vor ihm, dass es unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Aus dem Versteck hatte sie groß ausgesehen.
Von hier oben war sie gewaltig.
Mikas Mama kletterte neben ihn und legte die Streichholzschachtel vorsichtig flach hin. Gemeinsam schoben sie den Schuber weiter auf. Drinnen lagen die Hölzchen dicht an dicht.
Mika schnupperte.
Der Geruch gefiel ihm überhaupt nicht. Trockenes Holz, ein wenig Staub, dazu etwas Scharfes, das in der Nase kitzelte.
Seine Mama wählte ein Streichholz aus. Für Mikas Geschmack ließ sie sich dabei reichlich viel Zeit. Sie prüfte den Kopf des Hölzchens und sah noch einmal in Richtung Tür.
Dann erklärte sie ihm mit ernster Stimme, es solle hinter ihrer Schulter bleiben und einen großen Bogen um die Flamme machen. Sie würden schauen, mehr brauchte es für diesen ersten Adventsabend gar nicht.
Mika setzte sich hin.
Die Mama strich das Hölzchen über die raue Fläche der Schachtel.
Ratsch.
Nichts geschah.
Mika hielt den Atem an.
Noch einmal.
Rrratsch.
Ein Funke sprang auf. Für einen winzigen Augenblick war bloß ein rotes Glimmen zu sehen, danach schoss die Flamme aus dem Streichholzkopf. Mika zuckte zusammen und rutschte mit dem Hinterteil über die Tischplatte. Gleich darauf richtete es sich wieder auf.
So etwas hatte es noch nie gesehen.
Die Flamme war überraschend klein und zugleich erstaunlich lebendig. Sie bog sich zur Seite, richtete sich auf, wurde gelb, orange, beinahe blau am unteren Rand. Das Hölzchen knackte.
Mika vergaß für einen Augenblick sogar das Atmen.
Seine Mama hielt das Streichholz an den Docht. Erst glomm dort nur ein roter Fleck. Dann sprang das Feuer über.
Die Kerze brannte.
Mika starrte sie an.
In seinem Kopf hatte es sich diesen Augenblick hundertmal ausgemalt. Nun war er da, und plötzlich fiel ihm überhaupt nichts Kluges dazu ein. Die Wärme strich über seine Schnurrhaare. Das rote Wachs glänzte an der oberen Kante. Ganz langsam entstand neben dem Docht eine kleine Mulde.
„Mama“, sagte Mika nach einer ganzen Weile, „ich glaube, ich verstehe jetzt, warum die Menschen im Dezember so gern Kerzen anzünden.“
Seine Mama blies das Streichholz aus und legte es auf die Untertasse. Dann setzte sie sich neben Mika. „So ein Licht macht aus einem gewöhnlichen Abend etwas Besonderes. Darum muss einer gut darauf achten.“
Mika hörte den zweiten Satz nur halb.
Es sah auf die Flamme.
Im Schimmer wirkten die Dinge ringsum verändert. Die weiße Untertasse bekam einen goldenen Rand. Der rote Kerzenkörper glänzte warm. Sogar die Schnurrhaare seiner Mama schimmerten an den Spitzen.
Mika rückte näher an sie heran.
Dies war sein erster Adventsabend an einer brennenden Kerze.
Und genau da ging draußen die Wohnungstür.
Klack.
Mikas Ohren schossen hoch.
Im Flur waren Stimmen zu hören. Eine Tasche wurde abgestellt. Schuhe scharrten über den Boden.
Die Mäusemama sprang auf.
Jetzt ging alles rasend schnell.
Sie stieß das gebrauchte Streichholz weiter auf die Untertasse, packte Mika an der Schulter und zog es vom Kerzenrand weg. Die Flamme der Kerze brannte weiter. Ein Luftzug aus dem Flur brachte sie kurz zum Flackern.
„Zum Tischtuch. Los!“
Mika lief.
Dabei setzte es die Vorderpfote genau dorthin, wo ein Tropfen rotes Wachs über den Kerzenrand geronnen war.
Patsch.
Mika fuhr hoch.
Das Wachs war warm, klebrig und unangenehm. Für einen Schreck lang glaubte Mika, die Pfote bliebe darin stecken. Es riss sie heraus. Zwischen seinen Zehen zog sich ein roter Faden, dann löste er sich.
Auf der Untertasse blieb ein winziger Abdruck zurück.
Dafür hatte Mika nun wahrhaftig keinen Blick.
Es sprang zur Tischkante, griff nach dem Tischtuch und rutschte schneller hinunter, als seine Mama gutheißen konnte. Unten landete es etwas unsanft auf dem Teppich. Gleich darauf kam die Mama hinterher.
Gemeinsam flitzten sie zum Schrank.
Als Mika durch den Spalt schlüpfte, schlug sein Herz heftig.
Die beiden Mäuse kauerten im schmalen Zwischenraum hinter der Schrankwand. Mika presste die wachsverklebte Pfote an den Bauch und versuchte, seinen Atem wieder einzufangen.
Vorn ging die Wohnzimmertür auf.
„Was ist denn hier los?“, hörten sie Linas Vater sagen.
Dann folgten schnelle Schritte.
Ein kräftiges Pusten.
Die Kerzenflamme erlosch.
Mika schloss die Augen.
Nun roch das Zimmer nach warmem Wachs und Rauch.
Linas Vater rief seine Tochter ins Wohnzimmer. An seiner Stimme merkte Mika sofort, was jetzt kam.
Lina erschien in der Tür.
Der Vater zeigte auf die Kerze und das verbrannte Streichholz. „Wenn du die Kerze angezündet hast, sag es bitte gleich. Mit Feuer machen wir solche Sachen niemals heimlich.“
Mika wurde heiß unter dem Fell.
Lina war es gewesen, die morgens beim Frühstück einen Haferflockenkrümel neben das Tischbein gelegt hatte. Lina hatte im vergangenen Winter einmal eine Walnusshälfte hinter den Schrank geschoben. Und als ihr Vater gefragt hatte, warum dort eine Walnuss liege, hatte sie sehr ernst erklärt, vermutlich habe die Walnuss einen Spaziergang gemacht.
Mika mochte Lina.
Nun sollte sie wegen einer Sache Ärger bekommen, die zwei Mäuse angerichtet hatten.
Lina blieb im Türrahmen stehen. Sie sah erst ihren Vater, dann die Kerze an. „Ich war in meinem Zimmer. Ich habe sie überhaupt nicht angefasst. Ihr könnt mich zehnmal fragen, und ich werde euch zehnmal dasselbe sagen.“
Da senkte Mika hinter dem Schrank den Kopf. Es murmelte seiner Mama zu, sie müssten etwas tun.
Die Mäusemama sah ebenfalls zur schmalen Öffnung hinaus. „Was möchtest du tun? Auf den Tisch springen und dich vorstellen?“
Mika schwieg.
Das war leider der schwächste Teil seines Plans gewesen.
Linas Vater stand inzwischen bei der Untertasse. Er hob das ausgebrannte Streichholz an und betrachtete es. Linas Mutter schob vorsorglich die Gardine weiter vom Tisch fort.
Sie kannte ihre Tochter gut und wollte erst herausfinden, was geschehen war. Lina klang ehrlich, und aus ihrem Zimmer hatte sie das Mädchen eben noch kommen hören.
Mika hob ein wenig den Kopf.
Das gefiel ihm deutlich besser.
Lina trat an den Tisch. Sie betrachtete zuerst die Kerze, danach die Schachtel und zuletzt die Untertasse.
Plötzlich beugte sie sich vor.
Da war etwas im roten Wachs.
Sie holte die kleine Lupe aus der Schublade, die sie für Briefmarken, Käferflügel und winzige Schrift auf Bonbonpapier benutzte. Mit dieser Lupe untersuchte sie nun den Wachstropfen.
Mika bekam ein flaues Gefühl im Bauch.
Der Abdruck.
An den hatte es überhaupt nicht mehr gedacht!
Lina hielt die Lupe dichter über das Wachs. Dann veränderte sich ihr Gesicht. Der Fund hatte ihre ganze Aufmerksamkeit.
„Kommt mal her“, sagte sie schließlich. „Hier ist ein Pfotenabdruck. Schaut euch die kleinen Zehen an. Der ist winzig.“
Ihr Vater beugte sich über die Untertasse. Linas Mutter kam von der anderen Seite.
Eine ganze Weile betrachteten alle drei den roten Fleck.
Mika wagte sich so weit vor, dass seine Nase fast aus dem Spalt ragte.
Der Vater schaute zuerst auf den Abdruck, dann auf Lina. Der Ärger war aus seinem Gesicht verschwunden. Ratlos betrachtete er die kleine Spur.
„Das sieht tatsächlich nach einer Maus aus“, sagte er. „Und damit schulde ich dir wohl eine Entschuldigung.“
Lina verschränkte die Arme, doch nur für einen kurzen Augenblick. Viel interessanter fand sie offenbar ihren Fund. „Dann wäre wenigstens geklärt, wer hier unterwegs war. Bloß wie eine Maus auf die Idee kommt, Streichhölzer zu benutzen, würde ich gern wissen.“
Hinter dem Schrank machte Mika sich ein klein wenig größer.
Seine Mama bemerkte es.
Sie tippte ihm gegen die Schulter.
Mika machte sich wieder klein.
Linas Vater nahm die Streichholzschachtel vom Tisch. Der Gedanke an eine Maus mit Streichhölzern gefiel ihm ersichtlich überhaupt nicht. Er schob den Schuber zu, legte die Schachtel in eine Blechdose und stellte diese auf das oberste Regalbrett.
Selbst Mika musste bei kühnster Einschätzung seiner Kletterkünste einsehen: Dort oben würde es niemals hinkommen.
Linas Mutter rückte die Kerze weiter von der Gardine weg und stellte sie auf einen feuerfesten Teller.
Es geschah alles ohne große Reden. Dadurch begriff Mika erst richtig, wie ernst die Sache gewesen war.
Es dachte an den Augenblick, als die Wohnungstür gegangen war. An die brennende Kerze auf dem Tisch. An Lina, die gleich darauf beschuldigt worden war. Die Flamme war wunderschön gewesen. Doch der Schreck danach hatte sich ebenso fest in seinen Kopf gesetzt.
Lina stand noch immer bei der Untertasse.
Sie tippte mit dem Finger neben den kleinen Abdruck und erklärte, der dürfe dort bleiben. Schließlich gehöre er jetzt zum ersten Dezember.
Ihre Mutter lächelte.
Dann beugte Lina sich ein wenig zum Tisch hinunter und sagte in den Raum hinein: „Falls unser Besucher noch irgendwo hier sitzt, darf er gern wissen: Ich bin ihm nicht böse. Aber die Streichhölzer gehören ab sofort uns. Das ist besser für alle.“
Hinter dem Schrank senkte Mika die Ohren.
Seine Mama legte eine Pfote um ihn.
Das war eindeutig für ihn bestimmt gewesen.
Mika hätte Lina gern geantwortet. Doch Mäusesprache war für diesen Anlass wenig geeignet, und so blieb es bei einem dankbaren Blick durch den Spalt.
Später, als die Menschen das Wohnzimmer verlassen hatten, krochen Mika und seine Mama zurück in ihr Nest.
Es lag zwischen Schrankrückwand und Fußleiste, gut geschützt hinter einer losen Holzleiste. Mika besaß dort eine Schlafmulde aus Wollfäden, Papierstückchen und einem kleinen Fetzen von Linas altem Filzetui. Neben dem Eingang standen zwei Nussschalen, die als Vorratsgefäße dienten.
Mika setzte sich auf sein Polster und betrachtete seine Vorderpfote.
Das rote Wachs ließ sich inzwischen ablösen. Seine Mama zog das Stück vorsichtig zwischen den Zehen hervor und wollte es zur Seite legen.
Mika hielt sie zurück.
„Das heben wir auf. Das gehört zu meinem ersten Dezember an einer Kerze.“
Die Mäusemama betrachtete erst das rote Wachsstück und dann ihren Sohn. Schließlich legte sie es in die kleinere der beiden Nussschalen.
Eine ganze Weile lagen sie nebeneinander. Aus dem Wohnzimmer drangen gedämpfte Geräusche herüber. Eine Tasse wurde in die Küche gebracht. Im Flur knarrte ein Brett. Bald kehrte im Haus Ruhe ein.
Mika hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt.
Der Abend ging ihm noch einmal durch den Sinn. Die große Kerze aus nächster Nähe. Die plötzlich aufflammende Flamme. Der Schimmer auf Mamas Schnurrhaaren. Und dann der Schreck, weil Lina beinahe Ärger bekommen hätte.
Schließlich sagte Mika, es wolle die Kerze sehr gern wiedersehen. Die Sache mit den Streichhölzern dürften künftig allerdings die Menschen übernehmen.
Seine Mama zog es näher an sich.
„Das halte ich für einen vernünftigen Entschluss. Es gibt Dinge, die darf ein Mäuschen nur bestaunen.“
Mika dachte darüber nach.
Damit konnte es leben.
Am nächsten Morgen prüfte Linas Vater den Rauchmelder. Das Gerät gab einen derart schrillen Laut von sich, dass Mika vor Schreck rückwärts in eine Nussschale fiel.
Seine Mama half ihm wieder heraus.
„Falls dieses Ding melden soll, dass irgendwo Rauch ist“, jammerte Mika und rieb sich die Ohren, „muss es dabei wirklich so furchtbar schrill sein?“
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