Mäuschen Mika und die rasende Adventsschublade - Adventsgeschichte

Mäuschen Mika und die rasende Adventsschublade – Adventsgeschichte

VON Betina Graf ·

Mäuschen Mika und die rasende Adventsschublade - Adventsgeschichte

So ein Adventskalender hält jeden Tag eine kleine Überraschung bereit. Doch mit dieser Schublade hat Mäuschen Mika ganz bestimmt nicht gerechnet. Kaum ist sie im Spiel, wird es plötzlich erstaunlich rasant – und Mika steckt mitten in einem Adventsabenteuer, das so ganz anders verläuft als geplant. Wohin die wilde Fahrt führt und was am Ende in der kleinen Schublade steckt, wird natürlich noch nicht verraten.

Mäuschen Mika und die rasende Adventsschublade

Mäuschen Mika und die rasende Adventsschublade

Am Morgen des 4. Dezember entdeckte Mika etwas, das ihm bisher entgangen war. Dabei stand das Ding schon seit Tagen im Wohnzimmer: Auf der niedrigen Kommode neben dem Fenster befand sich ein Adventskalender aus Holz. Er sah aus wie ein kleines Haus. Oben saß ein rotes Dach, darunter waren vierundzwanzig winzige Schubladen in geraden Reihen angeordnet. Auf jeder stand eine goldene Zahl. Manche hatten einen kleinen Knopf zum Herausziehen, andere einen Metallgriff, der für Mikas Pfoten viel zu groß gewesen wäre.

Mika kannte den Kalender natürlich. Er hatte ihn bisher nur für ein Möbelstück der Menschen gehalten, das ihn weiter nichts anging. An diesem Morgen änderte sich das. Lina kam noch vor dem Frühstück ins Wohnzimmer. Sie trug dicke Wollsocken, die Haare standen ihr wild vom Kopf ab, und sie gähnte, während sie zur Kommode ging. Mika saß hinter der Schrankwand und beobachtete sie durch den Spalt.

Lina blieb vor dem Holzhaus stehen und suchte mit dem Finger zwischen den kleinen Zahlen. „Vier“, murmelte sie. „Wo hast du dich versteckt?“ Mika wurde aufmerksam. Eine Vier kannte er. Er konnte sogar bis weit über vier hinaus zählen! Lina fand die Schublade, zog sie heraus und nahm ein kleines, in Silberpapier gewickeltes Stück Schokolade heraus. Eigentlich wollte sie die Schublade wieder hineinschieben, doch aus der Küche rief ihre Mutter, das Frühstück sei fertig. Lina legte sie auf die Kommode und lief hinaus.

Mika sah ihr hinterher und gleich darauf wieder zur Schublade. Sie stand allein vor dem Kalenderhaus. Klein war sie, jedenfalls für menschliche Verhältnisse. Für Mika hatte sie ungefähr die richtige Größe, um darin zu sitzen. Dieser Gedanke kam ihm sofort, und er versuchte, ihn wieder loszuwerden.

Seine Mama war ebenfalls wach geworden. Sie saß im Nest, hielt eine getrocknete Apfelschale zwischen den Pfoten und bemerkte rasch, wohin ihr Sohn blickte. „Was siehst du da?“ – „Die Schublade.“ Seine Mama biss ein Stück von der Apfelschale ab und kaute bedächtig. „Das hatte ich befürchtet.“

Mika drehte sich zu ihr um. „Warum befürchtet? Ich schaue bloß.“ Seine Mama kaute weiter. „Bei dir beginnt erstaunlich vieles mit Schauen.“

Mika fand, dass dagegen wenig einzuwenden war. Erst hatte er sich eine Kerze angesehen, danach einen Schatten, dann Käse. Zugegeben, aus all diesen Dingen war am Ende etwas geworden, das vorher keiner geplant hatte. Trotzdem musste ein Mäuschen doch seine Umgebung kennenlernen dürfen. Er lugte erneut hinaus. Lina saß inzwischen mit ihren Eltern in der Küche. Im Wohnzimmer blieb die Kommode unbeaufsichtigt.

„Ich möchte sie nur aus der Nähe ansehen“, sagte Mika. Seine Mama legte die Apfelschale weg. „Das sagtest du bei deinen früheren Abenteuern ebenfalls.“ Mika erklärte, diesmal wolle er wirklich nur schauen. Das überzeugte seine Mama nicht ganz, trotzdem durfte er bis zur Kommode gehen, sobald die Menschen das Haus verlassen hatten. Seine Mama bestand allerdings darauf mitzukommen.

Nach dem Frühstück zog Lina ihre Jacke an. Der Vater ging kurz vor ihr aus dem Haus, die Mutter folgte wenig später. Lina lief noch einmal ins Wohnzimmer, weil sie ihr Mäppchen auf dem Sofa liegen gelassen hatte. Mika zog den Kopf aus dem Spalt und wartete. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss. Nun war das Haus ruhig.

Mika und seine Mama schlüpften aus ihrem Versteck, liefen an der Fußleiste entlang, huschten hinter dem Sessel vorbei und erreichten die Kommode. Das Möbel hatte unten eine Querleiste, über die sie gut hinaufkamen. Von dort führte ein schmaler Spalt an der Rückseite nach oben. Mika war als Erster auf der Kommodenplatte.

Die Aussicht gefiel ihm. Von hier konnte er bis zum Esstisch sehen, hinüber zum Sofa und auf den Teppich, der sich durch das halbe Wohnzimmer zog. Vor ihm stand das hölzerne Adventshaus. Aus der Nähe wirkte es beträchtlich größer als vom Boden aus.

Mika ging langsam daran entlang und betrachtete die vierundzwanzig Schubladen. Die 1 stand links oben, die 2 fand er weiter unten und die 3 fast in der Mitte. Die Menschen hatten die Zahlen offenbar absichtlich durcheinandergebracht. „Warum machen sie das?“, wollte er wissen, als seine Mama gerade über die hintere Kante auf die Kommode kletterte.

Sie besah sich den Kalender. „Vielleicht macht das Suchen Spaß.“

Mika dachte darüber nach. Das konnte sein. Menschen taten erstaunlich viele Dinge allein deshalb, weil ihnen das Suchen gefiel. Sie versteckten Eier an Ostern und Geschenke an Geburtstagen. Gelegentlich suchten sie sogar ihre Brille, obwohl sie die bestimmt mit Absicht irgendwo hingelegt hatten.

Mika entdeckte die 24 ganz unten rechts und beugte sich näher heran. Seine Mama erklärte ihm vorsichtshalber, dass diese Schublade erst an Weihnachten geöffnet werde. Mika versicherte, er habe lediglich sehen wollen, wo sie stecke, und ging weiter. An Nummer 4 angekommen, blieb er stehen.

Die Schublade lag vor dem Kalenderhaus. Lina hatte die Schokolade herausgenommen, deshalb war sie leer. Mika stellte sich daneben und betrachtete sie von allen Seiten. Das Holz war glatt, innen roch es schwach nach Kakao und ein wenig nach dem Papier, das zuvor darin gelegen hatte. Er legte beide Vorderpfoten auf den Rand.

Die Schublade rührte sich.

Mika hielt inne und drückte noch einmal. Sie glitt ein kleines Stück über die Kommode.

Seine Augen wurden größer.

Seine Mama bemerkte es sofort. „Mika.“

„Hm?“

„Ich kenne diesen Blick.“

„Welchen?“

„Den, bei dem dir eben etwas eingefallen ist.“

Mika nahm die Pfoten vom Holz. „Mir fallen ständig Dinge ein.“

„Das ist eines unserer Probleme.“

Mika grinste und umrundete die Schublade noch einmal. Dann kletterte er hinein.

Sie passte ausgezeichnet. Er konnte die Vorderpfoten auf den Rand legen, und sein Schwanz hatte hinten genug Platz. Die Wände reichten ihm ungefähr bis zu den Schultern. „Schau mal“, sagte er stolz.

Seine Mama schaute. „Du sitzt in einer Schublade.“

„Das sehe ich.“

„Dann sind wir uns einig.“

Mika stemmte die Hinterpfoten gegen den Boden und schob. Die Schublade bewegte sich. Nur ein kleines Stück, aber sie bewegte sich. Er schob erneut, und wieder glitt sie vorwärts. Seine Mama kam näher und erklärte, nun könne er wieder aussteigen. Mika tat so, als müsse er vorher noch etwas prüfen. Er legte beide Vorderpfoten auf den Rand und wippte ein wenig. Die Schublade rutschte einen Fingerbreit weiter.

Das war interessant. Sehr interessant.

„Man könnte damit fahren“, stellte Mika fest.

Seine Mama setzte sich neben den Adventskalender. „Mit einer Suppenschüssel könnte einer vermutlich ebenfalls irgendwo hinunterfahren. Daraus entsteht noch lange eine gute Beschäftigung.“

Mika sah zum anderen Ende der Kommode. Zwischen ihm und einer kleinen Blumenvase lag eine lange, glatte Strecke. „Nur bis dorthin.“

Seine Mama lehnte ab.

„Ganz langsam.“

Auch das überzeugte sie wenig.

Mika stieg aus. Jedenfalls sah es zunächst so aus. Dann stellte er sich hinter die Schublade, legte beide Pfoten an die Rückwand und schob sie über die Kommode. Das Holz glitt erstaunlich leicht. Nach wenigen Schritten hatte er sie bis zur Mitte gebracht. Dort lag ein Bleistift. Mika schob ihn zur Seite und kletterte wieder in die Schublade.

Seine Mama beobachtete ihn inzwischen mit jenem Blick, den Mika gut kannte. Er besagte ungefähr, dass sie ihren Sohn sehr gernhatte und zugleich mit dem Ausgang dieser Sache rechnete.

Mika stieß sich mit einer Hinterpfote vom Holz ab.

Die Schublade glitt los. Langsam zuerst, dann etwas schneller. Mika richtete sich auf. Der Adventskalender zog an ihm vorbei, danach kam der Bleistift. Schließlich blieb die Schublade kurz vor der Vase stehen.

Mika strahlte. „Hast du das gesehen?“

Seine Mama war hinterhergelaufen. „Leider sehr deutlich.“

Mika stieg aus und schob die Schublade zurück. Nun wusste er, dass die Fahrt funktionierte. Bei der zweiten Runde stieß er sich kräftiger ab. Das kleine Holzgefährt glitt über die Platte, rumpelte kurz über eine Unebenheit und kam wieder zum Stehen. Mika saß darin und war begeistert. Seine Mama dagegen fand, jetzt reiche es.

Mika versprach eine letzte Fahrt.

Seine Mama wusste aus Erfahrung, dass „eine letzte Fahrt“ bei ihrem Sohn ein dehnbarer Begriff war. Trotzdem half sie ihm, die Schublade zurück zum Kalender zu schieben. Dabei bemerkte keiner der beiden, dass sie nun ein wenig schräg stand.

Mika stieg ein. Dieses Mal wollte er besonders weit kommen. Er stellte die Hinterpfoten auf den Rand, stemmte sich hoch und stieß sich kräftig gegen das Holz des Adventskalenders ab.

Die Schublade schoss los.

Schon nach dem ersten Stück merkte Mika, dass diese Fahrt anders verlief. Sie war schneller. Viel schneller. Er legte die Pfoten auf den Rand und versuchte zu bremsen, doch dadurch glitt die Schublade nur weiter. Der Bleistift kam näher. Mika zog den Kopf ein.

Klack.

Die Schublade traf den Bleistift mit einer Ecke. Er rollte davon, während das kleine Gefährt seine Richtung änderte und nun schräg über die Kommode raste. Mikas Mama lief hinterher und rief, er solle herauskommen.

Das hätte Mika inzwischen selbst gern getan. Für einen Ausstieg fehlte ihm allerdings die Gelegenheit.

Die Schublade rutschte weiter. Direkt auf den Rand der Kommode zu.

Mika drehte sich um. Hinter ihm lag der Adventskalender, vor ihm endete die Holzplatte. Darunter befand sich der Teppich, und von hier oben erschien der Abstand erheblich. Mika bekam es mit der Angst zu tun. Er krallte die Pfoten ins Holz und stemmte beide Hinterbeine gegen den Boden der Schublade.

Es half kaum.

Kurz darauf ragte die Vorderkante bereits über die Kommode. Die Schublade kippte, Mika rutschte nach vorn und packte mit beiden Pfoten den oberen Rand.

Seine Mama kam angerannt, griff hinten an das Holz und zog. Die Schublade rührte sich kaum. Mika wagte keine Bewegung.

„Mama?“

„Bleib sitzen.“

„Das hatte ich ohnehin vor.“

Seine Mama stemmte sich mit beiden Hinterpfoten gegen die Kommode und zog erneut. Diesmal bewegte sich die Schublade ein winziges Stück zurück, rutschte jedoch gleich darauf wieder nach vorn. Mika hielt den Atem an.

Allein bekam seine Mama sie kaum zurück. Mika konnte ebenfalls wenig tun, denn jede Bewegung verlagerte das Gewicht weiter nach vorn. Er fragte, ob er aussteigen könne. Seine Mama meinte, dafür sei es noch zu früh. Diese Antwort gefiel Mika überhaupt nicht.

Er hielt sich am Rand fest und blickte zum Teppich hinunter. Gestern war er wegen einer Haferflocke quer durch das Wohnzimmer gelaufen. Heute hing er in einer Adventskalenderschublade über einer Kommodenkante. Langsam bekam er den Eindruck, der Dezember sei ein ausgesprochen beschäftigter Monat.

Seine Mama zog weiter, Pfote für Pfote. Tatsächlich kam die Schublade ein kleines Stück zurück.

Da hörten beide die Wohnungstür.

Mika erstarrte. Seine Mama ließ die Schublade beinahe los.

Jemand kam herein.

Schritte im Flur. Lina.

Sie musste etwas vergessen haben. Ihre Jacke raschelte, danach hörte Mika den Reißverschluss ihres Schulranzens. „Ich bin gleich wieder weg!“, rief sie in Richtung Küche.

Mika und seine Mama sahen sich an. Die Schublade hing weiterhin über dem Rand.

Lina kam ins Wohnzimmer. Zuerst bemerkte sie nichts. Sie ging zum Sofa, nahm ein Heft vom Tisch und schob es in ihre Tasche. Dann wandte sie sich schon wieder zur Tür.

Mikas Mama versuchte, die Schublade ein letztes Stück zurückzuziehen.

Das Holz schabte über die Kommode.

Lina blieb stehen.

Sie drehte sich um und sah zur Kommode. Dort hing Schublade Nummer 4 halb über dem Rand. Lina runzelte die Stirn. Am Morgen hatte sie sie doch neben den Kalender gelegt.

Langsam kam sie näher.

Mika drückte sich tief in die Schublade. Vielleicht würde sie ihn übersehen. Vielleicht würde sie das Ding einfach zurückschieben.

Lina blieb direkt davor stehen. Mika sah zuerst nur ihre Hände, dann beugte sie sich herunter.

Ihre Augen wurden groß.

„Du.“

Mika wusste sofort, dass sie ihn erkannt hatte.

Es war das erste Mal, dass Lina ihn aus solcher Nähe sah. Gestern war Mika bloß über den Teppich gehuscht. Heute saß er kaum eine Armlänge vor ihr in einer Holzschublade und konnte nirgendwohin.

Lina bewegte sich zunächst überhaupt nicht. Das half. Mika hatte genug damit zu tun, sein Herz wieder in einen vernünftigen Takt zu bekommen. Dann sah Lina, wie weit die Schublade bereits über die Kante ragte.

„Oh.“

Mehr sagte sie zunächst gar nicht.

Sie stellte ihre Schultasche auf den Boden. Mika rückte zurück, und sofort kippte die Schublade ein kleines Stück. Lina hob beide Hände. „Gut. Bleib da. Ich fasse dich nicht an.“

Mika verstand ihre Worte. Trotzdem wusste er noch nicht recht, ob er ihr trauen sollte. Hinter dem Adventskalender saß seine Mama. Lina konnte sie unmöglich sehen, aber Mika wusste, dass sie jede Bewegung beobachtete.

Ganz langsam streckte Lina eine Hand unter die Schublade.

Mika wich zurück.

„Ich nehme nur das Ding.“

Ihre Finger berührten den Holzboden. Die Schublade hob sich ein Stück und lag wieder waagerecht. Lina schob sie behutsam zurück auf die Kommode. Dann nahm sie die Hand weg und trat einen Schritt zurück.

Mika blieb sitzen.

Er hätte sofort hinausspringen können. Trotzdem tat er es noch nicht. Lina stand vor ihm und sah ihn an. Mika sah zurück.

Nun konnte er ihr Gesicht genau erkennen. Das Pony hing ihr in die Stirn. An einer Stelle war ihre Nase ein wenig rot von der Kälte draußen. Über der Schulter hing noch der Riemen ihrer Schultasche.

Lina lächelte. „Du bist also der Haferflockendieb.“

Mika legte die Ohren an. Die Haferflocke hatte er weder gestohlen noch heimlich genommen. Sie hatte ausdrücklich für ihn auf der Untertasse gelegen.

Dann sah Lina auf die Schublade. „Und heute fährst du mit meinem Adventskalender herum.“

Mika richtete sich etwas auf. Das klang vorwurfsvoller, als er angemessen fand.

Lina korrigierte sich. „Na gut. Eigentlich mit der Schublade.“

Damit konnte er eher leben.

Mika setzte eine Vorderpfote auf den Rand. Lina ging noch einen Schritt zurück, und nun sprang er heraus. Er blieb auf der Kommode sitzen. Zwischen ihm und Lina lagen kaum zwei Handbreit.

Das war neu.

Mika roch den Winter an ihrer Jacke und ein wenig Bleistift. Lina hielt sich vollkommen ruhig. Mika sah zum Adventskalender, dann zur Schublade und anschließend wieder zu ihr.

„Ich würde damit jedenfalls nicht noch einmal fahren“, sagte Lina.

Mika hätte ihr gern erklärt, dass er inzwischen zu demselben Ergebnis gekommen war. Stattdessen putzte er sich kurz über die Schnurrhaare.

Hinter dem Kalender bewegte sich etwas.

Seine Mama.

Mika erinnerte sich plötzlich daran, dass er hier oben keineswegs allein war. Er lief zur Rückseite der Kommode, blieb kurz davor noch einmal stehen und sah zu Lina.

Sie hob ganz langsam eine Hand und bewegte nur zwei Finger.

Ein kleiner Gruß.

Mika überlegte. Dann hob er für einen Augenblick eine Vorderpfote und verschwand hinter dem Adventskalender.

Lina starrte auf die Stelle.

Sie hatte es gesehen. Ganz eindeutig.

Das Mäuschen hatte die Pfote gehoben.

Hinter dem Kalender packte Mikas Mama ihren Sohn bereits am Arm. „Komm.“ Sie liefen den schmalen Weg an der Rückseite der Kommode hinunter. Mika musste sich beeilen, denn seine Mama legte ein Tempo vor, das jede weitere Besichtigung ausschloss.

Unten angekommen, flitzten sie an der Fußleiste entlang. Erst hinter dem Sessel verlangsamte seine Mama ihre Schritte. Mika sah noch einmal zurück zur Kommode. Lina stand weiterhin dort.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte seine Mama.

Mika wusste sofort, worauf sie sich bezog. „Bei der Schublade oder bei der Pfote?“

Seine Mama blieb stehen. „Wir fangen mit der Schublade an.“

Das dauerte länger.

Mika erklärte, dass die erste Fahrt sehr gut funktioniert habe. Die zweite ebenfalls. Erst bei der dritten sei die Schublade plötzlich schräg gefahren. Seine Mama wies ihn darauf hin, dass Schubladen gewöhnlich für überhaupt keine Fahrt gebaut würden.

„Aber sie fährt“, entgegnete Mika.

„Das hat sie bewiesen.“

„Ziemlich gut sogar.“

Seine Mama sah ihn an.

„Schon gut.“

Sie gingen weiter. Kurz vor dem Schrank fragte seine Mama schließlich nach der erhobenen Pfote. Darauf wusste Mika schneller eine Antwort.

„Lina hat mir geholfen. Sie hätte die Schublade nehmen oder mich anfassen können. Hat sie aber nicht. Sie hat sie nur zurückgeschoben und gewartet.“

Seine Mama hatte das ebenfalls gesehen.

„Und deshalb hast du ihr gewunken?“

„Nur ein bisschen.“

Nun musste die Mäusemama doch lächeln. „Ein bisschen winken. Natürlich.“

Sie schlüpften hinter die Schrankwand. Mika setzte sich auf seinen dunkelblauen Wollfaden und war froh, wieder festen Boden unter den Pfoten zu haben.

Nach einigen Minuten hörten sie Lina im Wohnzimmer. Sie musste endlich zurück zur Schule. Bevor sie ging, schob sie die Schublade Nummer 4 wieder in den Adventskalender. Mika hörte das leise Klacken des Holzes.

Dann kam Lina zur Schrankwand.

Ihre Schuhe blieben vor dem Spalt stehen.

„Die Vier ist wieder an ihrem Platz“, sagte sie. „Und du lässt sie besser dort.“

Damit ging Lina.

Mika wartete, bis die Wohnungstür geschlossen war. „Sie spricht mit mir.“

Seine Mama schob eine Nussschale zur Seite. „Sie spricht vor allem mit einer Schrankwand.“

„Sie weiß doch, dass ich dahinter bin.“

„Das stimmt.“

Mika dachte an Lina, an ihre Hand unter der Schublade und den kleinen Gruß mit den Fingern. Er mochte sie. Darüber musste er inzwischen gar nicht mehr lange nachdenken.

Am Nachmittag kam Lina aus der Schule und ging zuerst zum Adventskalender. Mika beobachtete sie durch den Spalt. Sie zog Schublade Nummer 4 noch einmal heraus, betrachtete sie und strich mit dem Finger über eine kleine Schramme an der Unterseite.

Mika kannte diese Schramme. Die musste beim Zusammenstoß mit dem Bleistift entstanden sein.

„Aha“, murmelte Lina.

Dann stellte sie die Schublade auf die Kommode, nahm einen Bleistift und schrieb auf ein kleines Stück Papier. Sie faltete den Zettel und legte ihn hinein. Anschließend setzte sie sich aufs Sofa und begann mit ihren Hausaufgaben.

Mika wurde neugierig.

Die Schublade blieb draußen.

Er saß hinter der Schrankwand und wartete. Ihm war klar, dass seine Mama einen weiteren Ausflug nur mäßig begeistert aufnehmen würde, deshalb fragte er vorerst gar nicht.

Nach ungefähr einer Viertelstunde kam sie von selbst zum Spalt. Sie hatte Lina und die Schublade längst bemerkt.

„Du willst wissen, was auf dem Zettel steht.“

Mika nickte.

„Ich auch.“

Damit hatte er nicht gerechnet.

Sie warteten, bis Lina in die Küche ging. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg zur Kommode. Dieses Mal kletterte Mika ohne Umwege hinauf. Von einer Probefahrt war keinerlei Rede mehr.

Er zog das Papier aus der Schublade und faltete es auf.

Lina hatte in großen Buchstaben geschrieben:

FÜR DIE KLEINE GRAUE MAUS

Mika las es zweimal.

Darunter stand:

DIE SCHUBLADE BLEIBT AB HEUTE IM KALENDER.

Mika verzog das Gesicht. Seine Mama las über seine Schulter.

Weiter unten kam noch eine Zeile:

ABER DU DARFST MICH WIEDER BESUCHEN.

Nun gefiel ihm der Zettel besser.

Ganz unten hatte Lina eine winzige Maus gemalt. Sie hatte runde Ohren, einen langen Schwanz und hielt etwas in der Pfote, das vermutlich eine Haferflocke sein sollte.

Mika betrachtete die Zeichnung lange. „Sie hat meine Ohren zu groß gemalt.“

Seine Mama sah auf das Bild. „Ich finde sie recht passend.“

„So groß sind die nie.“

„Wenn du meinst.“

Mika faltete den Zettel wieder zusammen. Er wollte ihn mitnehmen, und seine Mama hatte nichts dagegen.

Bevor sie gingen, schob Mika die Schublade vorsichtig zurück in den Kalender. Nummer 4 saß wieder dort, wo sie hingehörte. Er drückte sie mit beiden Pfoten hinein, bis die Vorderseite ordentlich mit den anderen Schubladen abschloss.

Dann nahmen sie den Zettel und verschwanden.

Lina kam einige Minuten später zurück und sah sofort zum Kalender. Schublade Nummer 4 war geschlossen. Der Zettel war weg. Sie zog die Schublade auf, fand sie leer und lächelte. Danach schob sie die Vier wieder an ihren Platz.

Beim Abendessen erzählte Lina ihren Eltern, dass die kleine graue Maus heute etwas Neues ausprobiert habe. Ihr Vater hob schon bei den Worten „etwas Neues“ die Augenbrauen.

„Muss ich wissen, was?“

Lina erzählte von der Schublade. Den gefährlichen Teil ließ sie etwas kürzer ausfallen, verschwieg ihn allerdings nicht vollständig, denn ihre Mutter wollte wissen, weshalb unter Nummer 4 plötzlich eine Schramme zu sehen war.

Der Vater legte die Gabel hin. „Die Maus ist mit der Schublade über die Kommode gefahren?“

„Offenbar.“

„Auf der Schublade?“

„Darin.“

Er sah zu seiner Frau. Linas Mutter musste lachen.

„Das ist wirklich nicht lustig“, sagte er, wobei sein Mundwinkel eine andere Meinung verriet. „Wenn sie heruntergefallen wäre, hätten wir jetzt vermutlich eine verletzte Maus und einen kaputten Adventskalender.“

Lina erzählte, dass sie rechtzeitig gekommen sei und die Schublade zurückgeschoben habe. Das Mäuschen habe gewartet, bis genug Platz gewesen sei, und sei danach von selbst verschwunden.

„Mika?“, fragte ihre Mutter.

Lina hielt inne.

Sie hatte den Namen eben tatsächlich benutzt.

„Ich weiß gar nicht, wie die Maus heißt“, sagte sie. „Mika kam mir gerade einfach in den Kopf.“

Hinter der Schrankwand saß ein kleines graues Mäuschen und riss die Augen auf.

Seine Mama sah ihn an.

Mika legte beide Pfoten vor den Mund.

Lina hatte seinen Namen gesagt.

Einfach so.

Zufällig.

Zumindest musste es Zufall gewesen sein.

Am Tisch sprach ihr Vater bereits weiter. Er meinte, Lina solle der Maus künftig besser keine Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Außerdem wollte er am Wochenende noch einmal nachsehen, ob irgendwo hinter der Schrankwand ein Zugang nach draußen führte.

Lina nickte.

Mika hörte nur halb zu.

Mika.

Sie hatte Mika gesagt.

Seine Mama beugte sich zu ihm. „Nun bilde dir darauf bloß nichts ein. Sie hat irgendeinen Namen gesucht.“

Mika dachte darüber nach. Von allen Namen, die es gab, hatte Lina ausgerechnet seinen gewählt.

Das konnte einem Mäuschen schon gefallen.

Später am Abend lag Mika auf dem blauen Wollfaden. Linas Zettel hatte er sorgfältig neben den roten Wachskrümel vom 1. Dezember gelegt. Beide Sachen gehörten inzwischen zu seinen besonderen Fundstücken.

Seine Mama machte es sich neben ihm bequem. Mika betrachtete noch einmal die kleine Mäusezeichnung auf dem Papier.

„Die Ohren sind wirklich zu groß.“

„Schlaf.“

„Und der Schwanz ist zu dick.“

„Mika.“

Er faltete den Zettel zusammen und legte ihn beiseite. Kurz darauf lag er mit dem Kopf auf den Vorderpfoten und dachte an die Adventsschublade.

Eine gute Fahrt war es gewesen.

Bis auf das Ende.

Und wenn er ganz vernünftig darüber nachdachte, konnte Nummer 4 künftig tatsächlich im Kalender bleiben. Es gab schließlich noch dreiundzwanzig andere Schubladen.

Seine Mama öffnete die Augen.

„Denk nicht einmal daran.“

Mika sah sie erstaunt an.

Er hatte gar nichts gesagt.

Das war das Beunruhigende an Mäusemamas.

Sie wussten erstaunlich viel.

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