Ein Wollfaden unter dem Sessel, eine eingeschaltete Stehlampe und plötzlich erscheint an der Wand eine riesige Maus: Für Mika beginnt aus einer kleinen Entdeckung ein Spiel mit überraschenden Folgen. Während das Mäuschen neugierig mit seinem Schatten experimentiert, beobachtet Lina das Geschehen und kommt dem geheimen Bewohner hinter der Schrankwand immer näher. Die Geschichte lebt von kindlichem Entdeckergeist, Humor und einem Hauch Aufregung. Am Ende steht fest: Lina weiß, dass im Wohnzimmer eine Maus lebt – und Mikas Abenteuer werden dadurch deutlich heikler.

Mäuschen Mika und der riesige Schatten
Mika saß hinter der Schrankwand und rieb sich zum x-ten Mal die Ohren.
Der Rauchmelder hatte am Morgen einen Lärm gemacht, den Mika dem kleinen weißen Ding an der Zimmerdecke niemals zugetraut hätte. Noch beim Frühstück hatte er behauptet, ein Gerät mit einer solchen Stimme müsse sich wenigstens vorher ankündigen. Seine Mama hatte darauf bloß gemeint, ein Rauchmelder sei schließlich dazu da, gehört zu werden.
Damit hätte die Sache erledigt sein können.
Bei Mika war sie es vorerst noch nicht.
Er schüttelte den Kopf, legte beide Pfoten auf die Ohren und lauschte prüfend.
„Ich höre es immer noch ein bisschen.“
Seine Mama sortierte trockene Haferflocken in eine Nussschale. „Dann hör weniger genau hin. Das hilft bei dir gelegentlich.“
Mika wusste nicht recht, ob er sich über diese Antwort ärgern sollte. Er beschloss, es später zu tun.
Im Wohnzimmer war es an diesem Nachmittag ungewöhnlich ruhig. Linas Vater war noch unterwegs, ihre Mutter arbeitete in der Küche, und Lina saß in ihrem Zimmer über den Hausaufgaben. Ab und zu hörte Mika eine Schublade, Schritte im Flur und das Kratzen eines Stiftes auf Papier, da Linas Zimmertür offen stand.
Der rote Wachskrümel vom Vorabend lag in einer kleinen Nussschale neben Mikas Schlafplatz. Er hatte darauf bestanden, ihn aufzubewahren. Seine Mama hielt solche Andenken für entbehrlich, hatte den Wachskrümel jedoch an seinem Platz gelassen.
Immerhin hatte die Sache mit der Kerze ein gutes Ende genommen. Lina hatte keinen Ärger gekriegt. Die Streichhölzer lagen inzwischen hoch oben in ihrer Blechdose, und Mika wusste sehr genau, dass sie dort bleiben sollten.
Das Wohnzimmer hatte trotzdem genug zu bieten.
Seit dem Morgen lag unter dem Sessel ein langer dunkelblauer Wollfaden.
Mika hatte ihn sofort entdeckt.
Ein Ende lag auf dem Teppich, der Rest verschwand unter dem Sessel. Wahrscheinlich hatte Lina ein Wollknäuel beim Basteln verloren. Mikas Mama hatte den Faden ebenfalls gesehen und gleich festgestellt, dass ein Stück weiche Wolle im Nest gut zu gebrauchen wäre.
Seitdem wartete Mika auf eine Gelegenheit.
„Jetzt ist es ruhig“, sagte er schließlich und sah durch den Spalt. „Wenn wir den Faden holen wollen, wäre jetzt ein guter Augenblick.“
Seine Mama kam zu ihm. Sie prüfte den Flur, lauschte in Richtung Küche und wartete noch ein wenig.
„Gut. Wir holen ihn. Danach kommen wir zurück. Und diesmal lässt du alles in Ruhe, was brennt, piept, klingelt oder auf andere Weise Ärger machen könnte.“
Mika versprach es.
Die beiden schlüpften hervor und liefen an der Fußleiste entlang. Mika voraus, seine Mama dicht hinter ihm. Seit dem Kerzenabenteuer bewegte sie sich noch aufmerksamer durch das Wohnzimmer. Mika bemerkte es, sprach sie jedoch lieber nicht darauf an.
Am Sessel angekommen, packte er den Wollfaden mit beiden Pfoten.
Er zog.
Der Faden rührte sich kaum.
Mika stemmte die Hinterpfoten gegen den Boden und versuchte es kräftiger.
Diesmal kam ein Stück hervor.
Noch eines.
Dann war Schluss.
Mikas Mama ging um den Sesselfuß herum. Der Faden hatte sich unter einer der Kufen verfangen. Gemeinsam bekamen sie ihn frei. Danach ging es besser. Mika zog rückwärts, während seine Mama die Wolle hinter ihm aufnahm.
Der Faden erwies sich als erstaunlich lang.
Mika wurde ehrgeizig.
Er zog weiter und achtete bald nur noch darauf, dass die Wolle hinter ihm herkam. Die Stehlampe neben dem Sessel bemerkte er dabei überhaupt nicht.
Sie war schon eingeschaltet. Ihr Schirm hing tief, und das Licht fiel schräg über den Fußboden bis zur gegenüberliegenden Wand. Draußen wurde es bereits dämmrig. Deshalb zeichnete sich der helle Bereich auf der Tapete besonders deutlich ab.
Mika trat ins Lampenlicht.
Auf der Wand erschien etwas Dunkles.
Er blieb stehen.
Der Wollfaden glitt ihm aus den Pfoten.
An der gegenüberliegenden Wand war eine Maus zu sehen.
Eine gewaltige Maus!
Der Kopf saß hoch über der Fußleiste. Die Ohren waren riesig. Der Schwanz zog sich weit über die Tapete, und sogar die Schnurrhaare waren zu erkennen.
Mika rührte sich zunächst überhaupt nicht.
Dann hob er langsam die rechte Vorderpfote.
Die große Maus hob ebenfalls eine Pfote.
Mika ließ seine sinken.
Auch die fremde Maus nahm ihre herunter.
Er wich zurück.
Die Gestalt verschwand zum Teil hinter dem Schatten des Sessels.
Mika drehte sich sofort nach seiner Mama um. Sie saß ein Stück hinter ihm beim Wollfaden.
„Mama“, flüsterte er. „Da ist eine Maus an der Wand.“
Seine Mama blickte hinüber.
„Ich sehe sie.“ Mika wartete auf mehr. Mehr kam vorerst nicht.
„Eine sehr große Maus“, ergänzte er.
„Das sehe ich ebenfalls.“
Das Verhalten seiner Mama beunruhigte Mika fast stärker als die fremde Maus. Jeder vernünftige Mäusehaushalt musste doch eine Meinung dazu haben, wenn plötzlich ein riesiger Verwandter an der Wohnzimmerwand auftauchte.
Mika trat vorsichtig wieder in den hellen Bereich.
Sofort war der große Mäusekopf zurück.
„Da! Jetzt ist sie wieder da.“
Seine Mama kam näher.
In diesem Augenblick gerieten auch ihre Vorderpfoten in den Lichtschein.
Neben Mikas Schatten erschien ein zweiter.
Mika fuhr herum.
„Jetzt sind es sogar zwei.“
Da senkte seine Mama den Kopf. Ihre Schultern zuckten. Mika betrachtete sie misstrauisch.
„Du lachst.“
Die Mäusemama hob den Kopf wieder. „Nur ein kleines bisschen.“
Das fand Mika unangebracht. Er sah zur Wand. Die große Maus dort hatte ebenfalls den Kopf gesenkt.
Mika hob ihn wieder.
Die Wandmaus tat es ihm nach.
Seine Mama ging nun bis an den Rand des Lichtstreifens. Sie streckte eine Pfote hinein.
An der Wand erschien eine dunkle Pfote.
Sie zog sie zurück.
Die dunkle Pfote verschwand.
Noch einmal schob sie ihre Vorderpfote ins Licht.
Wieder war sie auf der Wand zu sehen.
Mika beobachtete das aufmerksam.
Seine Mama erklärte ihm, dass die Lampe hinter ihnen stand. Ihr Körper hielt einen Teil des Lichtes auf. Genau dieser dunkle Umriss erschien an der Wand. Je näher Mika an die Lampe ging, desto größer wurde sein Schatten.
Mika sah erst zum Lampenschirm, dann zur Wand.
Er machte einen Schritt in Richtung Lampe. Der Mäusekopf auf der Tapete wurde größer. Noch einen Schritt. Nun ragten die Ohren weit nach oben. Mika stellte sich auf die Hinterpfoten. Die dunkle Gestalt wuchs weiter.
Die Angst war weg.
Mika hatte etwas viel Interessanteres entdeckt.
Er legte beide Vorderpfoten an seine Ohren und drückte sie seitlich auseinander.
Die Wandmaus hatte plötzlich vier Ohren.
Mika grinste.
Er ließ die Pfoten sinken, streckte den Schwanz aus und drehte sich seitwärts. Danach setzte er sich hin, stand wieder auf, hob eine Pfote und probierte aus, welche Bewegungen an der Wand besonders gut zu erkennen waren.
Seine Mama setzte sich beim Wollfaden nieder.
Sie hatte offenbar beschlossen, dass ein Mäuschen, das sich mit seinem eigenen Schatten beschäftigte, wenigstens für ein paar Minuten keinen größeren Schaden anrichten konnte.
Mika nahm nun den Wollfaden in die Pfote und hielt ihn hoch.
Auf der Wand erschien neben seinem Schatten eine lange dunkle Linie.
Er schwenkte sie nach links.
Dann nach rechts.
Schließlich setzte er sich breitbeinig hin, richtete die Ohren auf und betrachtete sein Werk.
„Jetzt sieht die Maus wirklich gefährlich aus.“
Das Spiel gefiel ihm immer besser.
Er rückte noch ein Stück näher an die Lampe. Sein Kopf wurde größer, die Ohren ebenfalls. Dann hob er beide Pfoten.
In diesem Augenblick hörte seine Mama Schritte.
Sie richtete sich auf.
Mika bekam davon nichts mit. Er war mit seiner Wandmaus beschäftigt.
„Mika.“
Er drehte sich um.
Am Ton seiner Mama erkannte er sofort, dass das Schattenspiel beendet war.
Lina kam aus ihrem Zimmer.
Mikas Mama packte das lose Ende des Wollfadens und zog es unter den Sessel. Mika sprang hinterher. Beide verschwanden hinter dem Sesselfuß.
Lina betrat das Wohnzimmer.
Sie hatte ein Heft unter den Arm geklemmt und einen Bleistift im Mund. Vermutlich wollte sie bloß etwas aus ihrer Schultasche holen.
Nach zwei Schritten blieb sie stehen.
Auf der Wand hatte sich noch etwas bewegt.
Lina nahm den Bleistift aus dem Mund.
Sie sah hin.
Dort war jetzt nur noch der helle Lichtschein der Stehlampe.
Unter dem Sessel saßen Mika und seine Mama dicht beieinander. Mika drückte den dunkelblauen Wollfaden an sich.
Lina ging langsam zur Wand.
Dann blickte sie zur Lampe.
Sie schob den Lampenschirm ein Stück zur Seite. Der helle Bereich auf der Tapete wanderte mit.
Lina schob die Lampe zurück.
Mika sah ihr Gesicht.
Sie dachte nach.
Der rote Pfotenabdruck vom Vorabend fiel ihr bestimmt wieder ein. Am Morgen hatte sie ihn noch einmal betrachtet. Nun hatte sie für ein paar Sekunden eine große dunkle Maus an der Wand gesehen.
Lina ging ein Stück zurück und hielt ihre Hand ins Licht.
Ein großer dunkler Handumriss erschien auf der Tapete.
Sie nahm die Hand weg.
Der Schatten verschwand.
Mika verstand sofort, was sie herausgefunden hatte.
Seine Mama ebenfalls.
Lina wusste jetzt, dass sie einen Schatten gesehen hatte.
Was sie noch immer nicht wusste: Die Maus, die ihn verursacht hatte, saß nur wenige Schritte von ihr entfernt unter dem Sessel.
Eine Weile stand Lina mitten im Zimmer.
Aus der Küche kam Geschirrklappern. Wasser lief. Eine Schranktür fiel zu.
Lina hätte längst wieder in ihr Zimmer gehen können.
Sie tat es nicht.
Stattdessen setzte sie sich auf den Teppich.
Sie legte das Heft neben sich und steckte den Bleistift hinein. Dann wartete sie.
Mika schob den Kopf ein wenig weiter hinter dem Sesselfuß hervor.
Dieses Verhalten kannte er von Menschen nicht. Sie liefen herum, räumten auf, setzten sich aufs Sofa, lasen, aßen oder redeten. Dass Lina mitten auf dem Teppich saß und einfach wartete, machte ihn neugierig.
Sie sah zur hellen Wand.
Mika begriff.
Sie wollte den Mäuseschatten noch einmal sehen.
Seine Mama begriff es ebenfalls.
„Wir verschwinden jetzt mit unserem Faden.“
Mika sah zu Lina.
Dann zur Wand.
„Nur noch einmal.“
Seine Mama antwortete vorerst gar nichts.
Mika kannte diese Art von Schweigen.
Trotzdem blieb er sitzen.
Lina bewegte sich ebenfalls nicht.
Schließlich schob Mika ganz vorsichtig eine Vorderpfote in den Lichtstreifen.
An der Wand erschien eine kleine dunkle Pfote.
Linas Kopf hob sich.
Mika zog sie sofort zurück.
Lina blieb sitzen.
Sie sagte nichts, kam auch keinen Schritt näher.
Mika wartete.
Dann streckte er nur die Spitze seines Schwanzes ins Licht.
Ein dünner dunkler Strich erschien auf der Tapete und verschwand gleich wieder.
Lina lächelte.
Mika sah es genau.
Das gefiel ihm.
Jetzt hätte er am liebsten den Kopf ins Licht gehalten.
Seine Mama entschied anders.
Sie fasste ihn am Nackenfell und zog ihn ein Stück zurück.
„Für heute hat die Wand genug Mäuse gesehen.“
Dagegen ließ sich wenig sagen.
Sie machten sich mit ihrer Beute auf den Rückweg. Den Wollfaden zogen sie am hinteren Rand des Sessels entlang bis zur Fußleiste. Dort kamen sie ungesehen weiter.
Kurz vor dem Schrank blieb der Faden an einer Unebenheit im Boden hängen.
Mika zog, der Faden riss, und beide Mäuse purzelten mitsamt dem abgerissenen Fadenstück durch den Spalt.
Endlich waren sie wieder zu Hause.
Mika legte sich bäuchlings auf den Boden und lugte ins Wohnzimmer.
Lina saß noch immer auf dem Teppich.
Nach einer Weile stand sie auf und wandte sie sich der Schrankwand zu.
Mika zog den Kopf ein.
Lina kam näher.
Sie blieb direkt vor dem schmalen Spalt stehen.
Mika hörte ihre Schritte, danach nichts mehr.
Seine Mama saß neben ihm. Diesmal musste sie ihn weder festhalten noch zurückziehen.
Lina kniete sich hin.
Von draußen konnte sie durch den schmalen Spalt kaum etwas erkennen. Hinter dem Schrank war es dunkel, und Mika saß weit genug zurück.
Trotzdem wusste er, dass Lina direkt vor ihm war.
Nach einer Weile sagte sie ganz ruhig:
„Du bist also wirklich da.“
Mika hielt den Atem an.
Lina griff weder hinter den Schrank noch versuchte sie, etwas zu verschieben. Sie blieb einfach dort.
Dann stand sie wieder auf und ging in ihr Zimmer zurück.
Mika wartete, bis ihre Schritte verklungen waren.
„Sie weiß es“, sagte er.
Seine Mama begann, den Wollfaden zusammenzulegen. „Sie weiß, dass hier eine Maus wohnt.“
„Mich.“
„Deinen Namen kennt sie noch gar nicht.“
Mika musste darüber nachdenken.
Das stimmte.
Lina wusste nichts von dem roten Wachskrümel in seiner Nussschale. Sie wusste nichts von seinem Nest. Und sie wusste erst recht nichts davon, dass hinter der Schrankwand zwei Mäuse lebten.
Sie kannte einen Pfotenabdruck.
Und jetzt einen Schatten.
Das war immerhin schon einiges.
Mika half seiner Mama mit dem Wollfaden. Sie legten einen Teil davon in seine Schlafmulde und schoben den Rest an die Wand. Das Nest war danach deutlich gemütlicher.
Mika setzte sich probeweise auf die neue Unterlage.
Der Ausflug hatte sich seiner Meinung nach gelohnt.
Seine Mama schien das anders zu sehen.
„Du hast einer fremden Maus an der Wand zugewinkt, dich über eine zweite erschrocken und anschließend mit Lina Schatten gespielt. Wir wollten eigentlich nur einen Wollfaden holen.“
Mika strich über die blaue Wolle.
„Wir haben ihn doch.“
Seine Mama sah ihn an.
Mika rückte den Faden ein wenig zurecht.
Mehr musste dazu vorerst nicht gesagt werden.
Am frühen Abend kam Linas Vater nach Hause.
Mika hörte, wie er im Flur seine Schuhe auszog und die Jacke aufhängte. Wenig später kam er ins Wohnzimmer.
Lina folgte ihm.
Sie hatte offenbar auf ihn gewartet.
Mika und seine Mama saßen hinter der Schrankwand und hörten zu.
Lina erzählte von dem großen Mäuseschatten.
Ihr Vater ließ sich die Stelle an der Wand zeigen. Zuerst vermutete er, Lina habe vielleicht ihren eigenen Schatten gesehen. Doch Lina erklärte ihm ziemlich genau, was geschehen war: die Ohren, der Schwanz, die Bewegung am Boden. Danach erzählte sie von der kleinen Pfote, die später noch einmal im Licht aufgetaucht war.
Und von der Schwanzspitze.
„Gestern der Abdruck im Wachs und heute das“, sagte sie. „Da wohnt wirklich eine Maus.“
Ihr Vater betrachtete die Schrankwand.
„Dass hier eine Maus unterwegs sein könnte, wissen wir seit gestern. Aber eine Maus, die an der Wand Schattenspiele veranstaltet, wäre mir neu.“
Lina schüttelte den Kopf. Sie behauptete keineswegs, dass die Maus absichtlich damit angefangen hatte. Wahrscheinlich sei sie zufällig durch den Lichtschein gelaufen. Später allerdings habe sie gewartet. Da sei die kleine Pfote noch einmal erschienen.
Ihr Vater hörte ihr aufmerksam zu.
Mika ebenfalls.
Dann sagte er etwas, das Mika weniger gefiel.
„Wir behalten das im Auge. Ein einzelner Pfotenabdruck ist eine Sache. Wenn hier tatsächlich eine Maus wohnt, müssen wir herausfinden, wo sie herkommt und ob sie allein ist. Mäuse können an Vorräte gehen und sich überall im Haus Wege suchen.“
Hinter dem Schrank setzte Mika sich auf.
Seine Mama wurde ebenfalls aufmerksam.
Lina fragte sofort, was ihr Vater nun vorhabe.
Er versprach ihr, vorerst gar nichts zu unternehmen. Erst einmal wollten sie genauer beobachten.
Damit gab Lina sich nur halb zufrieden.
Mika übrigens auch.
Von Fallen war keine Rede gewesen. Niemand wollte den Schrank verrücken. Trotzdem war ihm zum ersten Mal bewusst geworden, dass die Menschen eine Maus im Wohnzimmer durchaus anders beurteilen konnten als Lina.
Bisher hatte er über so etwas kaum nachgedacht.
Das Haus war für Mika sein Zuhause.
Er kannte die knarrende Diele vor der Küchentür, den warmen Platz hinter der Fußleiste und den Spalt an der Schrankwand. Er wusste, wann morgens jemand in die Küche kam und wann abends das Licht im Flur ausgeschaltet wurde. Hier war er groß geworden.
Nun hatte Linas Vater von einer Maus gesprochen, die herausgefunden werden musste.
Mikas Mama legte ihm eine Pfote auf die Schulter.
„Er hat gesagt, dass sie erst einmal schauen wollen.“
Mika nickte etwas verdrossen.
Nach kurzer Zeit gingen Lina und ihr Vater in die Küche.
Das Wohnzimmer war wieder leer.
Die Stehlampe blieb an.
Auf der Tapete wartete der helle Lichtschein.
Mika lugte lange durch den Spalt.
Am Nachmittag hatte er die riesige Wandmaus noch großartig gefunden. Nun wusste Lina, dass irgendwo im Zimmer ein echter kleiner Mäusebewohner saß. Ihr Vater ahnte es ebenfalls.
Gestern hatte bloß ein winziger Pfotenabdruck im roten Wachs von Mika erzählt.
Heute hatte er selbst dafür gesorgt, dass seine Ohren und sein Schwanz groß an der Wand erschienen.
Besonders geschickt war das nicht gewesen.
Aber Spaß hatte es gemacht.
Später kam Lina noch einmal allein ins Wohnzimmer.
Mika erkannte ihre Schritte inzwischen recht gut.
Sie ging zuerst zur Stehlampe und schaltete sie aus. Danach kam sie zur Schrankwand.
Vor dem Spalt blieb sie stehen.
Mika konnte nur ihre Hausschuhe sehen.
Lina kniete sich diesmal nicht hin. Sie versuchte auch nicht hineinzusehen.
„Gute Nacht, Schattenmaus“, flüsterte sie.
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