Die Einschulung ist ein ganz besonderer Tag – aufregend, fröhlich und für Schulanfängerinnen und Schulanfänger der Beginn eines neuen Abenteuers. Auf dieser Seite finden Sie kostenlose Bilder zur Einschulung, die Sie ganz einfach per WhatsApp verschicken können. Dazu gibt es drei liebevoll erzählte Einschulungsgeschichten für die Schulneulinge – zum Vorlesen online oder zum Ausdrucken als PDF-Datei. So können Sie persönliche Glückwünsche zur Einschulung senden und den Kindern mit den Geschichten Mut, Freude und viel Zuversicht für den Schulstart mitgeben.

Alles Liebe zur Einschulung!
Mit diesem fröhlichen Bild können Sie einem Schulanfänger oder einer Schulanfängerin liebe Glückwünsche zur Einschulung schicken. Bleistift, Heft, Lineal und Radiergummi machen sich gemeinsam auf den Weg – genau wie das Kind, für das nun ein spannender neuer Lebensabschnitt beginnt.
Beispiel für Ihren WhatsApp-Text:
Heute beginnt für dich ein ganz neues Abenteuer! 🎒✏️ Ich wünsche dir zur Einschulung ganz viel Freude, nette Kinder in deiner Klasse, eine liebe Lehrkraft und jeden Tag etwas Spannendes zu entdecken. Bleib neugierig, mutig und genauso wunderbar, wie du bist. Alles Liebe für deinen Schulstart! 🌟
Drei kostenlose Geschichten zur Einschulung
Die folgenden drei kostenlosen Geschichten zur Einschulung erzählen von kleinen Sorgen, großer Aufregung und dem Mut, sich auf etwas Neues einzulassen. Sie können angehenden Schulkindern ein wenig die Angst vor dem ersten Schultag nehmen und zeigen auf liebevolle und humorvolle Weise, dass viele Kinder ähnliche Gedanken haben. Die Geschichten lassen sich kostenlos downloaden oder direkt online vorlesen und eignen sich besonders für die Tage vor der Einschulung.
Emil und der viel zu schwere Schulranzen
Ein Schulranzen voller Hefte, Brotdose und Mäppchen dürfte eigentlich nicht besonders schwer sein. Doch an seinem ersten Schultag kann Emil ihn kaum tragen – denn zwischen all den neuen Sachen haben sich auch seine Sorgen versteckt. Was wird geschehen, wenn der Ranzen plötzlich zu sprechen beginnt? Eine warmherzige und humorvolle Geschichte zur Einschulung, die Kindern Mut macht und zeigt, wie viel leichter Ängste werden, wenn man darüber spricht und Freunde findet.
Betina Graf
Am Morgen seines ersten Schultages wachte Emil auf, noch bevor sein Wecker klingelte. Emil setzte sich verschlafen im Bett auf und sah skeptisch zu dem neuen Schulranzen hinüber. Er stand neben seinem kleinen Schreibtisch, ordentlich eingeräumt. Nur noch die Pausenbrote fehlten.
Gestern hatte Emil ihn noch dreimal aufgesetzt. Da war er leicht gewesen. Beinahe so leicht wie ein leerer Pappkarton.
Emil schlüpfte aus dem Bett, zog sich an und ging zu dem Ranzen. Er fasste ihn am Griff und wollte ihn hochheben.
„Uff!“
Der Ranzen ließ sich nur schwer bewegen.
„Mama!“, rief Emil. „Mein Schulranzen ist kaputt!“
Mama kam herein, noch mit der Haarbürste in der Hand. „Kaputt? Wieso denn das?“
„Er ist viel zu schwer.“
Mama hob den Ranzen hoch. „Also, ich finde, es geht.“
Sie setzte ihn Emil auf den Rücken. Sofort wurden seine Knie weich.
„Da sind doch nur dein Mäppchen, die Trinkflasche und die Brotdose drin“, sagte Mama.
Emil nickte. Er sagte lieber nicht, dass noch etwas anderes darin sein musste. Etwas Unsichtbares. Etwas, das schwerer wog als zehn dicke Bücher.
Als sie sich später auf den Weg zur Schule machten, begann schon an der ersten Straßenecke sein Tornister unangenehm an seinen Schultern zu ziehen. An der zweiten musste Emil sich ein wenig nach vorn beugen, weil der Ranzen ihn regelrecht nach hinten zerrte.
Als sie an der Ampel stehen blieben, war Emil sicher, dass jemand heimlich einen Pflasterstein hineingesteckt hatte.
Oder vielleicht sogar zwei.
Er zog die Träger höher und machte ein paar kleine Schritte auf der Stelle. Da hörte er direkt hinter seinem Ohr eine dünne Stimme.
„Und was ist, wenn du den Klassenraum nicht findest?“
Emil fuhr herum.
Doch hinter ihm stand niemand.
Mama stand neben ihm. „Es ist grün!“
„Ja!“, rief Emil und nahm ihre Hand.
Da raschelte es im Ranzen.
„Was ist, wenn die anderen Kinder schon lesen können?“, wisperte eine zweite Stimme.
Emil schluckte.
„Und was ist, wenn du niemanden zum Spielen findest?“, fragte eine dritte.
Jetzt blieb Emil so plötzlich stehen, dass Mama seine Hand loslassen musste.
„Was hast du denn?“
„Da ist etwas in meinem Ranzen.“
Mama öffnete die große Klappe. Sie nahm die Brotdose heraus, die Trinkflasche und das Mäppchen. Dann tastete sie bis auf den Boden.
„Nichts“, sagte sie.
Emil schaute hinein. Der Ranzen war leer.
Doch als Mama alles wieder eingepackt hatte, war er genauso schwer wie zuvor.
Vor dem Schultor standen viele Kinder mit bunten Ranzen und großen Schultüten. Einige lachten. Einige redeten wild durcheinander. Einige hielten die Hände ihrer Eltern so fest, als würden sie sonst davonwehen.
Emil entdeckte einen Jungen mit einer Baseballkappe. Der Junge stand ganz allein neben dem Zaun und zerrte an seinem roten Schulranzen.
„Ist deiner auch so schwer?“, fragte Emil.
Der Junge sah ihn erstaunt an. „Woher weißt du das?“
„Meiner redet sogar.“
Der Junge machte große Augen. „Meiner auch.“
„Was sagt er?“
Der Junge schaute sich um und flüsterte: „Dass ich vielleicht aus Versehen in die falsche Klasse gehe. Und dass ich mich melde und dann die Antwort nicht weiß. Und dass die Lehrerin streng ist.“
„Meiner sagt, ich finde keine Freunde“, sagte Emil.
Der Junge dachte kurz nach. Dann hielt er Emil die Hand hin. „Ich heiße Oskar.“
„Ich bin Emil.“
In diesem Moment ließ der Druck auf Emils Schultern ein wenig nach. Auch Oskar richtete sich plötzlich etwas gerader auf.
„Hast du das auch gemerkt?“, fragte er.
Emil nickte. Offenbar wurden die Ranzen leichter, sobald man mit seinen Sorgen nicht mehr allein war.
Gemeinsam gingen die beiden durch das Schultor. Im Schulhaus herrschte ein ziemliches Durcheinander. Türen fielen ins Schloss, Schuhe quietschten über den Boden, und von irgendwoher war das helle Klingeln einer Glocke zu hören.
„Zur Klasse 1b geht es dort entlang!“, rief eine Frau, die einen hohen Stapel Hefte vor sich hertrug.
Emil und Oskar folgten dem Hinweisblatt an der Wand. Hinter der nächsten Ecke zeigte ein weiterer Pfeil nach links. Ein paar Schritte später hing schon der nächste da.
Emil blieb stehen. Langsam kam ihm der Verdacht, dass das Schulhaus viel größer war, als es von draußen ausgesehen hatte.
Da raschelte es wieder in seinem Ranzen.
„Und was ist, wenn ihr den Weg nicht findet?“, flüsterte die dünne Stimme.
Sofort zogen die Träger wieder schwer an Emils Schultern. Neben ihm rutschte auch Oskars Ranzen ein Stück nach unten.

„Nicht schon wieder“, murmelte Oskar und zog ihn hoch.
Da kam ihnen ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen entgegen. Sie trug einen gelben Ranzen, der aussah, als wäre er prall mit Steinen gefüllt.
„Sucht ihr auch die 1b?“, fragte sie.
„Ja“, sagte Emil.
„Ich auch. Ich heiße Leni. Aber ich glaube, ich bin schon dreimal im Kreis gelaufen.“
„Dann laufen wir eben zu dritt im Kreis“, sagte Oskar.
Leni musste lachen.
Auf einmal ließ der Druck auf ihren Schultern nach. Leni richtete sich erstaunt auf und hob ihren Ranzen ein Stück an.
„Meiner ist leichter geworden“, sagte sie.
„Meiner auch“, meinte Oskar.
Emil musste lächeln. Jetzt hatten sie herausgefunden, wie sie die schweren Gedanken wieder aus ihren Ranzen herausbekamen: Sie mussten sie nur laut aussprechen.
Leni zögerte einen Moment und sah auf ihre Schuhe.
„Ich habe Angst, dass ich meinen Namen nicht schön schreiben kann“, sagte sie schließlich.
„Dann übst du ihn und schreibst ihn morgen schöner“, meinte Emil.
Ihr Ranzen wurde leichter.
„Was ist, wenn ich in der Pause hinfalle?“, fragte Oskar.
„Dann helfen wir dir eben wieder auf“, sagte Leni. „Dafür sind Freunde doch da.“
Oskar lächelte, und gleich zog sein Ranzen nicht mehr so schwer an seinen Schultern.
Emil schwieg einen Moment. Dann rückte er ein wenig näher zu den beiden.
„Und wenn ich plötzlich zur Toilette muss und nicht weiß, wo sie ist?“, fragte er leise.
Oskar sah ihn erleichtert an. „Genau davor habe ich auch Angst.“
„Dann suchen wir sie zusammen“, schlug Leni vor.
„Oder wir fragen einfach jemanden“, sagte Oskar.
Emil nickte. Das klang auf einmal gar nicht mehr so schlimm.
Nun waren die Ranzen beinahe wieder so leicht wie am Tag zuvor.
Endlich fanden sie die Tür der Klasse 1b. Davor stand eine junge Lehrerin mit lockigen Haaren und einem grünen Kleid.
„Da seid ihr ja“, sagte sie. „Ich bin Frau Sommer.“
Emil musterte sie. Sie sah nicht streng aus. Eher so, als könnte sie gut lachen.
Im Klassenzimmer standen die Tische in kleinen Gruppen. Auf jedem Platz lag ein bunter Papierstern. Emil, Oskar und Leni setzten sich nebeneinander.
Gerade als Frau Sommer die Tür hinter den Kindern schloss, raschelte es wieder in Emils Ranzen.
„Was ist, wenn du gleich vor allen etwas sagen musst?“, flüsterte die dünne Stimme.
Im selben Augenblick zog der Ranzen so schwer am Haken, dass er herunterfiel.
Rums!
Das Geräusch war so laut, dass sich alle Kinder nach Emil umdrehten. Ihm wurde ganz heiß im Gesicht, und am liebsten wäre er unter dem Tisch verschwunden.
Frau Sommer bückte sich und hob den Ranzen auf.

„Meine Güte“, sagte sie und wog ihn in der Hand. „Was hast du denn da hineingepackt? Einen Ziegelstein?“
Ein paar Kinder kicherten.
Emil sah auf seine Schuhe. Zuerst wollte er überhaupt nichts sagen. Doch dann dachte er an den Schulweg, an Oskar und Leni und daran, dass die Ranzen immer leichter geworden waren, sobald sie ihre Sorgen ausgesprochen hatten.
„Sorgen“, sagte er leise.
Frau Sommer blinzelte. „Sorgen?“
Emil nickte. „Die sind sehr schwer. Und sie reden die ganze Zeit.“
Da wurde es im Klassenzimmer still.
Ein Mädchen in der ersten Reihe hob die Hand. „In meinem Ranzen ist auch eine.“
„In meinem sind vier“, sagte ein Junge am Fenster.
„Meine sagt, dass ich bestimmt meine Brotdose verliere“, rief jemand.
„Meine sagt, dass niemand neben mir sitzen will“, sagte ein anderes Kind.
Frau Sommer stellte Emils Ranzen mitten auf den Boden.
„Dann machen wir jetzt etwas Wichtiges“, sagte sie. „Wir packen aus.“
Jedes Kind durfte seine Sorgen nennen. Frau Sommer schrieb sie auf kleine Zettel. Nach und nach kamen immer mehr Sorgen zusammen. Einige fanden große Zustimmung. Andere waren eher klein und ein bisschen peinlich. Und bei manchen mussten alle lachen.
Ein Junge in der letzten Reihe hob zögernd die Hand. Erst als Frau Sommer ihm aufmunternd zunickte, traute er sich zu sprechen.
„Ich habe ein bisschen Angst, dass ich aus Versehen Mama zu Ihnen sage“, murmelte er und wurde dabei ganz rot.
Frau Sommer tat, als müsse sie ernsthaft darüber nachdenken.
„Das könnte natürlich passieren“, sagte sie. „Aber vielleicht nenne ich unseren Hausmeister ja auch irgendwann aus Versehen Papa.“
Für einen Moment sahen die Kinder sie verblüfft an. Dann fing der Junge an zu kichern.
Gleich darauf lachte die ganze Klasse. Auch Emil musste so sehr lachen, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen.
Frau Sommer faltete jeden Zettel zusammen und legte ihn in eine große Schachtel. Auf den Deckel schrieb sie in dicken Buchstaben:
SORGENSCHACHTEL DER KLASSE 1B
„Hier können eure Sorgen erst einmal bleiben“, sagte sie. „Ihr müsst sie schließlich nicht den ganzen Tag mit euch herumtragen.“
Später hob Emil seinen Ranzen vorsichtig an. Er konnte es kaum glauben: Er war wieder so leicht wie am Abend zuvor.
In der Pause gingen Emil, Oskar und Leni gemeinsam auf den Schulhof. Unterwegs fanden sie sogar die Toiletten, ohne sich zu verlaufen.
Beim Fangen stolperte Oskar über seine eigenen Füße und landete auf den Knien. Noch bevor er etwas sagen konnte, standen Emil und Leni neben ihm und halfen ihm wieder hoch.
Und als Leni später ihren Namen schrieb, geriet das L ziemlich schief. Sie wollte es schon wegradieren, doch Frau Sommer betrachtete es lächelnd.
„Das ist kein schiefes L“, sagte sie. „Das ist ein L, das gerade tanzen lernt.“
Da musste Leni lachen und ließ es einfach stehen.
Und Emil?
Emil meldete sich sogar einmal.
Er wusste die Antwort nicht ganz genau.
Aber Frau Sommer half ihm, und nichts Schlimmes geschah.
Als Mama ihn mittags am Schultor abholte, kam Emil ihr schon von Weitem entgegen. Sein Ranzen wippte bei jedem Schritt auf seinem Rücken.
Mama nahm ihn ihm ab und sah überrascht auf.
„Heute Morgen konnte ich ihn kaum hochheben“, sagte sie. „Und jetzt ist er plötzlich ganz leicht.“
Emil grinste stolz.
„Wir haben in der Schule ausgepackt.“
Mama warf einen Blick auf den Ranzen. „Deine Brotdose?“
„Nein“, sagte Emil. „Unsere Sorgen.“
Mama sah ihn kurz erstaunt an. Dann lächelte sie und gab ihm den Ranzen zurück.
Auf dem Heimweg lief Emil viel aufrechter als am Morgen. Der Ranzen hüpfte leicht bei jedem Schritt auf seinem Rücken. Doch kurz bevor sie die Ampel erreichten, hörte er dicht hinter seinem Ohr wieder die dünne Stimme.
„Was ist, wenn morgen etwas Neues passiert?“
Emil dachte kurz nach.
Dann klopfte er auf die Ranzenklappe.
„Dann frage ich Oskar und Leni“, sagte er. „Oder Frau Sommer.“
Die Stimme schwieg.
Nur die Brotdose klapperte zufrieden.
Der falsche Platz
Kaum hat Sofia am ersten Schultag einen freundlichen Sitznachbarn gefunden, muss sie ihren Platz schon wieder räumen. Ausgerechnet ganz hinten am Fenster soll sie neben Toni sitzen, der mürrisch wirkt und kaum ein Wort sagt. Doch schon bald merkt Sofia, dass der erste Eindruck täuschen kann. Die warmherzige Geschichte zur Einschulung erzählt von kleinen Unsicherheiten, Hilfsbereitschaft und einer Freundschaft, die ganz unerwartet beginnt. Eine mutmachende Geschichte zum Vorlesen für Kinder vor der Einschulung und für frischgebackene Schulkinder.
Am Morgen des ersten Schultages war Sofia schon wach, bevor der Wecker klingelte.
Das kam selten vor. Sonst musste Mama zweimal rufen, und beim dritten Mal zog sie die Vorhänge auf. Heute lag Sofia still im Bett und hörte den Müllwagen in der Straße und das Klappern aus der Küche.
Neben dem Schreibtisch stand der neue Schulranzen. Sofia hatte ihn am Abend dreimal geöffnet. Das Mäppchen war da, die Trinkflasche auch. Im vorderen Fach steckten Taschentücher, obwohl Sofia überzeugt war, am ersten Schultag bestimmt keine zu brauchen.
Man konnte schließlich nicht wissen.
In der Küche lehnte die Schultüte am Tisch. Papa behauptete, er habe keine Ahnung, was darin steckte. Dabei hatte Sofia ihn vorgestern mit einer Tüte Gummibärchen erwischt.
„Die waren für mich“, hatte Papa gesagt.
Sofia hatte ihm kein Wort geglaubt.
Beim Frühstück bekam Sofia kaum etwas hinunter.
„Du musst nicht aufessen“, sagte Mama.
„Ich bin satt.“
„Nach einem Bissen?“
„Der war groß.“
Mama ließ es gelten. Sie fragte auch nicht, ob Sofia aufgeregt sei. Dafür war Sofia ihr dankbar. Manche Fragen machten eine Sache erst richtig schlimm.
Papa kam mit der Kamera herein. „Nur ein Foto.“ Es wurden mehr.
Auf dem ersten hatte Sofia die Augen geschlossen. Beim zweiten hielt Mama die Schultüte zu hoch. Beim dritten war das Bild unscharf. Dann lief der Nachbarshund durchs offene Gartentor, Sofias Kragen stand hoch, und schließlich sagte Mama: „Jetzt ist Schluss. Sonst kommen wir zur Einschulung, wenn alle anderen schon wieder nach Hause gehen.“
Vor der Schule standen Kinder, Eltern, Großeltern und kleinere Geschwister. Überall ragten Schultüten zwischen Köpfen und Schulranzen hervor. Ein Junge weigerte sich, seine rote Kappe für das Foto abzunehmen. Ein kleines Mädchen hielt eine Schultüte, die fast bis auf den Boden reichte. Vor der Treppe rollte eine Trinkflasche hin und her. Niemand wusste, wem sie gehörte.
Sofia blieb neben Mama stehen.
„Da drüben ist Ben aus deiner Turngruppe“, sagte Mama.
Ben redete mit zwei anderen Kindern und schien bereits genau zu wissen, wohin er gehörte. Sofia kannte ihn nur flüchtig. Das reichte für sie nicht, um jetzt einfach hinüberzugehen.
Dann ging die Schultür auf.
Eine Frau mit kurzen dunklen Haaren trat heraus. Sie trug einen grünen Pullover mit einem Kreidefleck auf dem Ärmel.
„Guten Morgen, Klasse 1b“, sagte sie. „Ich bin Frau Bertram. Wir gehen jetzt gemeinsam hinein.“
Die Kinder setzten sich in Bewegung. Manche Eltern riefen noch etwas hinterher.
„Viel Spaß!“
„Bis später!“
„Die Brotdose ist im vorderen Fach!“
Sofia drehte sich noch einmal um. Mama winkte. Papa hob schon wieder die Kamera. Dann schloss sich die Tür.
Im Klassenraum standen Zweiertische. Auf jedem Tisch lag ein gelbes Heft, daneben ein Bleistift. An der Tafel hing eine Girlande aus Papierbuchstaben. Vor den Fenstern stand ein alter Kastanienbaum. Einer seiner Zweige reichte bis dicht an die Scheibe.
Die Kinder liefen munter zwischen den Tischen umher. Zwei wollten denselben Stuhl. Ein Mädchen rief quer durch den Raum nach seiner Freundin. Ein Junge stellte seinen Ranzen ab, bemerkte, dass er in der 1a gelandet war, und lief mit rotem Kopf wieder hinaus.
In der zweiten Reihe saß ein Kind mit roten Turnschuhen. Auf dem Aufkleber an der Brust stand Jona.
Jona rückte zur Seite. „Hier ist noch frei.“ Sofia setzte sich sofort.
Der Platz gefiel Sofia. Die Tafel war nah, die Tür gut zu sehen, und Jona lächelte.
„Meiner ist spitzer“, sagte Jona und zeigte auf den Bleistift.
Sofia legte den eigenen daneben.
„Meiner ist länger.“
Jona grinste. Sofia grinste zurück. Der Anfang war gar nicht so schlimm. Sofia schob den Ranzen unter den Tisch und stellte die Schultüte neben den Stuhl.
Nun musste alles nur noch so bleiben.
Frau Bertram klatschte zweimal in die Hände.
„Auf den Tischen liegen eure Namenskarten. Schaut bitte nach, ob ihr richtig sitzt.“
Vor Jona lag die Karte JONA. Vor Sofia lag die Karte LEONIE.
Sofia hob sie an. Darunter kam nur die Tischplatte zum Vorschein.
„Dann sitzt du wohl woanders“, sagte Jona.
Es klang freundlich. Trotzdem war es ärgerlich. Sofia hatte den guten Platz kaum gefunden, da musste er schon wieder aufgegeben werden.
Frau Bertram ging durch die Reihen.
„Sofia sitzt hinten am Fenster“, sagte sie. „Neben Toni.“
Hinten saß ein Kind mit zerzausten braunen Haaren. Toni hatte die Arme verschränkt und kniff die Augen zusammen. Das Gesicht sah nicht gerade einladend aus.
Sofia nahm die Schultüte und zog den Ranzen unter dem Tisch hervor. Dabei blieb eine Schnalle am Stuhlbein hängen. Für einen Moment fürchtete Sofia, der ganze Tisch könnte umfallen. Doch es schepperte nur kurz, und außer Jona schien es niemand bemerkt zu haben.
Der Weg nach hinten bestand aus wenigen Schritten. Sofia kam er trotzdem ziemlich lang vor. Leonie setzte sich auf den frei gewordenen Platz und begann sofort, Jona etwas zu erzählen. Jona hörte zu und sah nicht mehr nach hinten.
Am Fenstertisch saß Toni noch immer mit verschränkten Armen. Die braunen Haare standen am Hinterkopf ab, und die Augen waren so fest zusammengekniffen, dass Sofia nicht wusste, ob Toni verärgert war oder gleich niesen musste.
Sofia stellte die Schultüte neben den Stuhl.
„Hallo“, sagte sie.
Toni gab einen Laut von sich, der vieles bedeuten konnte. Vielleicht Hallo. Vielleicht auch Lass mich in Ruhe.
Sofia setzte sich.
Der Platz war nicht schlecht. Direkt vor dem Fenster hing der Kastanienzweig, und zwischen den Blättern hüpfte ein kleiner Vogel umher. Nur die Tafel war von hier hinten deutlich weiter entfernt. Sofia konnte Frau Bertrams Namen trotzdem gut lesen, als sie ihn mit großen weißen Buchstaben anschrieb.
Toni offenbar nicht.
Zuerst bemerkte Sofia nur, dass Toni den Kopf nach vorn schob. Dann rückte Toni den Stuhl ein wenig näher an den Tisch. Schließlich kniff Toni die Augen noch fester zusammen und murmelte etwas vor sich hin.
Frau Bertram fragte, wer ihren Namen bereits lesen könne. Sofort schnellten mehrere Arme in die Höhe. Tonis Hand blieb unten. Toni sah angestrengt zur Tafel und bewegte lautlos die Lippen.
Sofia schaute hinüber.
Toni bemerkte es.
„Was ist?“
„Nichts.“
Sofia wandte sich wieder nach vorn. Das war offenbar besser.
Frau Bertram erklärte nun, dass jedes Kind ein gelbes Heft bekommen würde. Darin sollten die ersten Buchstaben, Bilder und kleinen Aufgaben gesammelt werden. Sie ging von Tisch zu Tisch und legte vor jedes Kind ein Arbeitsblatt.
Darauf waren ein Ball, ein Haus, eine Schultüte und verschiedene Buchstaben abgebildet. Die Linien waren kräftig gedruckt. Sofia erkannte alles sofort.
Toni zog das Blatt dicht heran.
Erst lag es mitten auf dem Tisch, dann unmittelbar vor Tonis Nase. Toni drehte es nach links und danach nach rechts. Schließlich wurde es wieder zurückgeschoben, als wäre mit dem Blatt etwas nicht in Ordnung.
Sofia sagte nichts. Sie begann, die bekannten Bilder einzukreisen.
Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Toni noch immer keinen Strich gemacht hatte. Der Bleistift lag quer über dem Blatt. Toni sah zur Tafel, auf das Papier und wieder zur Tafel.
Frau Bertram malte vorne drei einfache Bilder. Einen Ball erkannte Sofia sofort. Das Haus ebenfalls. Beim dritten Bild war sie nicht sicher. Es hatte vier Beine, einen langen Schwanz und zwei unterschiedlich große Ohren.
„Zeigt bitte auf eurem Blatt das Haus“, sagte Frau Bertram.
Toni tippte auf den Ball.
Aus der Reihe davor kam ein leises Kichern.
Toni zog die Hand zurück. Nun saß Toni ganz gerade da und schaute nur noch auf den Tisch. Sofia sah, wie sich die Finger fest um den Bleistift schlossen.
Da rückte Sofia das eigene Blatt ein Stück zur Mitte. Nicht weit. Nur so weit, dass man von beiden Plätzen aus daraufsehen konnte. Dann legte Sofia den Finger auf das Haus.
Toni schaute kurz hinüber. Mehr geschah zunächst nicht.
Bei der nächsten Aufgabe sollte die Schultüte gefunden werden. Sofia zeigte wieder auf das richtige Bild. Toni folgte mit dem Finger und zog langsam einen Kreis darum. Danach kam der Buchstabe M. Diesmal wusste Toni selbst, wo er stand.
„Den kenne ich“, sagte Toni leise.
Sofia nickte.
Von da an ging es besser. Sofia zeigte unauffällig auf die Bilder, die Frau Bertram nannte. Toni erkannte dafür mehrere Buchstaben schneller als Sofia. Es wurde nicht darüber gesprochen, wer wem half. Sie machten einfach weiter.
Nur das Tier an der Tafel ließ ihnen keine Ruhe.
Sofia hielt es für einen Bären. Toni war sicher, dass es eine Katze sein musste. Toni beugte sich wieder nach vorn, um mehr zu erkennen, doch dadurch wurde Frau Bertrams Zeichnung nicht deutlicher.
Schließlich begann Toni leise zu lachen.
Frau Bertram drehte sich um.
„Was gibt es denn hinten am Fenster?“
Sofia spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Toni dagegen deutete auf die Tafel.
„Wir wissen nicht, was das sein soll.“
Frau Bertram betrachtete ihre Zeichnung eine Weile.
„Ein Hund“, sagte sie schließlich.
Jetzt lachte die ganze Klasse.
Frau Bertram malte dem Tier ein zweites Ohr und einen runden Fleck auf den Rücken. Dadurch sah es noch immer nicht wie ein Hund aus, aber niemand sagte etwas. Nur Toni schrieb mit dem Finger ein unsichtbares Wort auf die Tischplatte.
Sofia erkannte es nicht.
Toni schrieb es noch einmal, langsam und sehr groß: H-A-S-E.
Sofia musste sich auf die Lippe beißen, um nicht wieder loszulachen.
Danach sollten die Kinder ihren Namen auf ein Blatt schreiben. Wer ihn noch nicht schreiben konnte, durfte die Namenskarte als Vorlage benutzen.
Sofia begann mit dem S. Es geriet etwas schmal, und das f wurde ein wenig schief. Doch der Name war gut zu lesen.
Nebenan schob Toni die Namenskarte immer näher heran. Das große T gelang sofort, auch das o. Beim n blieb der Bleistift stehen. Toni sah auf die Karte, legte den Kopf schief und rückte noch näher an das Papier.
Nun war Sofia sicher.
Toni war nicht grimmig. Toni konnte die Dinge einfach nicht richtig sehen.
„Hast du deine Brille vergessen?“, fragte Sofia leise.
Toni erstarrte kurz. Dann legte Toni den Bleistift auf den Tisch.
Die Brille lag zu Hause auf dem Küchentisch. Tonis Mutter hatte am Morgen sogar noch daran erinnert. Toni hatte behauptet, sie längst eingepackt zu haben. Danach war die Schultüte ins Auto getragen worden, der Ranzen hinterher, und die Brille war liegen geblieben.
Toni erzählte das hastig und so leise, dass Sofia sich vorbeugen musste.
„Sag es aber keinem.“
Sofia sagte nur, dass beim n der Strich zuerst nach unten ging und danach wieder hoch.
Toni nahm den Bleistift und schrieb den Namen zu Ende.
Als beide Blätter fertig waren, betrachtete Toni Sofias Schrift.
„Dein f ist schief.“
Sofia sah auf Tonis Namen.
„Dein o auch.“
Damit war die Sache fürs Erste geklärt.
Frau Bertram sammelte die Blätter ein. Als sie am Fenstertisch ankam, hielt Toni den eigenen Namen mit beiden Händen fest, bis sie direkt davorstand. Dann gab Toni das Blatt ab.
Frau Bertram betrachtete es.
„Sehr ordentlich“, sagte sie.
Toni setzte sich ein wenig gerader hin.
Sofia sagte nichts von der Brille. Als Frau Bertram anschließend die Toiletten, die Garderobe und den Weg zum Schulhof zeigte, blieb Sofia einfach neben Toni.
Die Kinder stellten sich paarweise auf. Vor ihnen liefen Jona und Leonie, hinter ihnen Ben und ein Mädchen mit einem Pferdeschwanz. Frau Bertram ging voraus und läutete mit einer kleinen Messingglocke, sobald die Gruppe stehen bleiben sollte.
Zuerst zeigte sie ihnen die Garderobe. Danach kamen sie am Sekretariat vorbei, an einem Schaukasten mit Klassenfotos und an einer Tür, auf der LEHRERZIMMER stand.
Toni deutete auf eine schmale graue Tür daneben.
„Was steht da?“
„Putzraum“, flüsterte Sofia.
„Schade.“
„Was hast du erwartet?“
„Etwas Geheimes.“
Im Treppenhaus kam ihnen die Klasse 1a entgegen. Ein Turnbeutel fiel zu Boden, zwei Schultüten stießen zusammen, und Frau Bertram musste ihre Glocke dreimal läuten, bevor alle wieder wussten, wohin sie gehörten.
Sofia blieb dicht bei Toni und las leise die Schilder an den Türen vor. Toni kannte dafür den Weg zum Schulhof, weil der ältere Bruder schon in die vierte Klasse ging. Am Ende des Rundgangs wusste Sofia, wo die Toiletten waren. Toni wusste, dass hinter der grauen Tür tatsächlich nur Besen und Eimer standen.
Kurz vor der Pause klopfte es an der Klassentür. Tonis Mutter stand draußen und hielt die Brille hoch. „Ich glaube, die fehlt jemandem.“
Toni setzte sie auf und sah zuerst zur Tafel.
„Der Hund sieht wirklich schlimm aus“, stellte Toni fest.
Frau Bertram betrachtete ihre Zeichnung.
„Mit Brille gefällt er dir also auch nicht besser?“
Toni schüttelte den Kopf.
„Dann muss ich wohl üben“, sagte Frau Bertram.
Beim Frühstück teilte Sofia die Kekse aus ihrer Brotdose. Toni gab dafür ein Apfelstück ab. Danach durften die Kinder ihre Schultüten öffnen. Papier raschelte, Süßigkeiten wurden herumgezeigt, und ein Flummi sprang bis unter den Schrank.
Toni zog eine kleine Lupe heraus.
Sofia sah die Lupe an und dann Toni.
„Die kommt ein bisschen spät.“
Toni hielt sie vor ein grünes Gummibärchen.
„Möchtest du eins?“
Sofia nahm ein rotes.
In der Pause gingen sie zusammen auf den Schulhof. Toni zeigte ihr eine niedrige Mauer hinter der Turnhalle und einen Trinkbrunnen, dessen Knopf man sehr fest drücken musste.
Auf der Mauer balancierten sie nebeneinander. Toni lief mit der Brille viel sicherer als vorher. Beim Herunterspringen blieb trotzdem ein Schuh an der Kante hängen. Sofia griff nach Tonis Ärmel.
„Nicht weitersagen“, sagte Toni.
„Du bist doch gar nicht hingefallen.“
„Dann gibt es auch nichts zu erzählen.“
In der letzten Stunde las Frau Bertram eine Geschichte vor. Jona malte in die Ecke seines gelben Heftes, Leonie legte den Kopf auf die Arme, und Ben schob heimlich den Flummi unter dem Tisch hin und her.
Sofia saß hinten am Fenster. Von dort war die Tafel weiter entfernt als aus der zweiten Reihe. Doch nun trug Toni die Brille und schob ihr ab und zu ein grünes Gummibärchen hinüber, obwohl grüne angeblich die besten waren.
Nach dem Unterricht wurden Ranzen hervorgezogen, Jacken gesucht und Schultüten aufgehoben. Sofia und Toni gingen gemeinsam zur Tür.
„Morgen sitzt du wieder hinten“, sagte Toni.
Es klang nicht wie eine Frage.
„Ja.“
„Gut.“
Auf dem Heimweg erzählte Sofia von Frau Bertrams Hund, der nicht wie ein Hund aussah, von der Lupe und von der Mauer hinter der Turnhalle. Von der vergessenen Brille erzählte sie nichts. Das war Tonis Sache.
Erst kurz vor zu Hause fragte Mama:
„Und wo sitzt du nun?“
„Hinten am Fenster.“
„Ist das ein guter Platz?“
Sofia dachte kurz nach.
„Ja“, sagte sie. „Jetzt schon.“
Flupps erster Schultag
Was passiert, wenn sich ausgerechnet am ersten Schultag ein unsichtbares Gespenst ins Klassenzimmer schleicht? Begleiten Sie Flupp bei einem turbulenten Schulstart voller Kreidestaub, Mut und einer überraschenden Freundschaft.
Eine spannende und humorvolle Einschulungsgeschichte zum Vorlesen, Mitfiebern und Mutmachen.
Betina Graf
Auf dem Dachboden der alten Kastanienschule, gleich hinter der großen Uhr, wohnte ein kleines Gespenst namens Flupp.
Warum es ausgerechnet Flupp hieß, wusste niemand mehr so genau. Tante Klara behauptete, der Name stamme von Flupps erstem Spukversuch. Damals sei Flupp durch eine Wand gesaust, in einem Eimer gelandet und habe dabei ein Geräusch gemacht, das ungefähr wie „flupp“ geklungen habe.
Flupp selbst glaubte diese Geschichte nicht. Jedenfalls nicht ganz.
Flupp war weder ein Gespensterjunge noch ein Gespenstermädchen. Flupp war einfach Flupp. Es war kaum größer als ein Schulranzen, trug ein weißes Hemd, das ihm bis zu den Füßen reichte, und hatte dunkle, runde Augen. Wenn es sich freute, leuchteten seine Augen ein bisschen heller. Wenn es Angst bekam, flatterte sein Hemdsaum, obwohl weit und breit kein Wind ging.
Meistens war Flupp unsichtbar.
Dann konnte kein Mensch es sehen oder hören. Flupp konnte auch nichts anfassen. Jeder Stift, jede Tasse und sogar der leichteste Wattebausch glitt durch seinen Körper hindurch. Dafür schwebte es durch Türen und Wände, als wären sie aus Nebel.
Nur wenn Flupp niesen musste, änderte sich alles. Dann wurde es für genau drei Minuten sichtbar, hörbar und so greifbar wie ein gewöhnliches Kind. Seine Gespensterkünste behielt es trotzdem. Selbst sichtbar konnte es noch immer schweben und durch Wände sausen. Drei Minuten waren nicht besonders lang. Sie reichten aber aus, um großen Unsinn anzurichten oder in große Schwierigkeiten zu geraten. Bei Flupp kam beides gelegentlich vor.
Seit vielen Jahren lebte es mit Tante Klara auf dem Schuldachboden. Tante Klara war eine erfahrene Schulgespenstin. Sie kannte jede knarrende Diele, jedes klemmende Fenster und jeden Winkel, in dem sich besonders schöne Spinnweben sammeln ließen.
Nachts durften die beiden durch die Schule spuken. Sie ließen die Garderobenhaken leise klimpern, pusteten vergessene Papierkügelchen aus den Ecken und rückten manchmal einen Stuhl ein kleines Stück zur Seite. Mehr war nicht erlaubt. Tante Klara hielt nichts von wildem Herumgerassel.
Tagsüber blieben sie auf dem Dachboden.
So war es immer gewesen.
Doch in diesem Sommer hatte Flupp eine Entdeckung gemacht. Durch einen Spalt im Fußboden konnte es in das Klassenzimmer der 1a sehen. Dort wurden bunte Buchstaben an die Wand gehängt. Auf den Tischen lagen frisch gespitzte Bleistifte, und über der Tafel stand in großen, runden Buchstaben:
HERZLICH WILLKOMMEN!
Flupp beobachtete alles. Es sah, wie Frau Klee, die Lehrerin, Namensschilder aufstellte. Es sah, wie sie kleine Papierblumen auf die Fensterbank legte. Und es sah das große Klettergerüst draußen auf dem Schulhof, das wie ein Piratenschiff vom Sandboden hochragte.
Von Tag zu Tag wurde Flupp neugieriger.
Es wollte wissen, wie man Wörter schrieb. Es wollte zählen lernen, ohne sich jedes Mal bei der sieben zu vertun. Vor allem wollte es endlich herausfinden, was Kinder in einer Pause machten. Tante Klara hatte erklärt, eine Pause sei die Zeit zwischen zwei Unterrichtsstunden. Flupp fand das unverständlich. Wenn eine Pause zwischen zwei Dingen lag, musste sie doch eigentlich still herumliegen. Weshalb dafür ein ganzer Schulhof nötig war, konnte ihm niemand sagen.
Am Abend vor der Einschulung nahm Flupp all seinen Mut zusammen und fragte Tante Klara, ob ein Gespenst vielleicht auch zur Schule gehen dürfe.
Tante Klara riss so erschrocken die Augen auf, dass ihr Spinnwebenhut verrutschte.
„Gespenster spuken nachts“, erklärte sie. „Kinder lernen tagsüber. Das hat sich bewährt.“
Leider ließ sich Tante Klara fast nie umstimmen.
In dieser Nacht bekam Flupp kaum ein Auge zu. Von unten drang der Geruch nach frischer Kreide herauf. Im Hof raschelten die Blätter der Kastanie. Die große Uhr tickte, langsam und wichtig, als wüsste sie längst, was am nächsten Morgen geschehen würde.
Als es hell wurde, hörte Flupp Stimmen. Türen klappten, Schuhe trappelten über den Flur, und irgendwo raschelte eine Schultüte. Ein Kind lachte. Ein anderes weinte. Ein Vater rief, er habe die Brotdose im Auto vergessen.
Flupp saß auf seiner alten Holzkiste und hielt es keine Minute länger aus.
Es schob die Dachbodenluke auf und schlüpfte hinaus.
Nur einmal wollte es gucken. Ein einziges Mal! Danach würde es sofort zurückkommen. Das nahm es sich fest vor, und wie das mit festen Vorsätzen manchmal ist, hielt dieser ungefähr so lange wie ein Luftballon ohne Knoten.
Im Flur herrschte ein gewaltiges Durcheinander. Kinder, Eltern, Schultüten und Ranzen schoben sich aneinander vorbei. Flupp glitt mitten hindurch. Niemand bemerkte das kleine Gespenst, nur eine Mutter rieb sich verwundert die Arme, als Flupp durch sie hindurchsauste.
Frau Klee stand an der Tür der 1a. Sie trug ein grünes Kleid und hatte ihre Haare mit einem Bleistift hochgesteckt. Flupp fand das sehr praktisch. So hatte sie immer einen Stift dabei.
Es folgte ihr ins Klassenzimmer.
Die Kinder saßen an kleinen Tischen. Manche redeten sofort drauflos, andere hielten sich scheu an ihrem Ranzen fest. Ein Junge knetete sein Namensschild zwischen den Fingern. Ein Mädchen mit zwei Zöpfen saß am Fenster und blickte ernst vor sich hin.
Das Mädchen hieß Mara.
Neben ihr war ein Platz frei.
Flupp schwebte dorthin. Es versuchte, sich auf den Stuhl zu setzen, sank jedoch mitten durch die Sitzfläche hindurch. Schnell schwebte es wieder hinauf und blieb knapp über dem Stuhl in der Luft hängen. Niemand sah, wie es dabei die Arme ausbreitete, um das Gleichgewicht zu halten.
Frau Klee begrüßte die Klasse. Sie erzählte, dass in der Schule niemand schon alles können müsse. Dafür sei die Schule schließlich da. Flupp gefiel dieser Satz. Es konnte nämlich fast gar nichts von dem, was auf den bunten Plakaten an den Wänden stand.
Dann nahm Frau Klee den Tafelschwamm und wischte einen Kreidefleck von der Tafel. Eine kleine weiße Wolke stieg auf und zog genau in Flupps Richtung.
Flupp bemerkte sie zu spät.
Seine Nase kribbelte.
Es versuchte, sich die Nase zuzuhalten, doch seine geisterhaften Arme glitten beinahe durch seine Nase hindurch. Das Kribbeln wurde stärker. Flupp versuchte, nicht zu atmen.
Es half nichts.
„Haaaatschi!“
Im selben Augenblick plumpste Flupp auf den freien Stuhl.
Nun war es sichtbar. Nun konnte man es hören. Und nun saß es mitten in der 1a, mit zerzausten Haaren, einem weißen Hemd und einem kleinen Klecks Kreidestaub auf der Nasenspitze.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Ein roter Buntstift rollte vom Tisch und fiel zu Boden. Das Geräusch klang in der Stille erstaunlich laut.
Mara starrte Flupp an. Der Junge am Nebentisch ließ sein zerknittertes Namensschild los. Hinten im Raum begann jemand zu kichern, hörte aber gleich wieder auf.
Frau Klee legte den Tafelschwamm beiseite. Sie sah Flupp aufmerksam an, jedoch nicht ängstlich. Eher so, wie man etwas betrachtet, mit dem man an einem Montagmorgen nicht unbedingt gerechnet hat.
„Du bist wohl neu hier“, sagte sie.
Flupp nickte. Seine Ohren wackelten.
Es erzählte, dass es auf dem Dachboden wohnte und furchtbar gern zur Schule gehen wollte. Weil drei Minuten schnell vergingen, sprach es ein wenig hastig. Es erklärte auch die Sache mit dem Niesen: Unsichtbar war es stumm und konnte nichts berühren. Nach einem Nieser dagegen war es drei Minuten lang fast wie alle anderen.
Die Kinder hörten gebannt zu. Einer wollte wissen, ob Flupp ein Junge oder ein Mädchen sei. Flupp antwortete, es sei ein Gespenst. Damit war die Sache für Flupp erledigt, und nach kurzem Nachdenken auch für die übrigen Kinder.
Frau Klee nahm ein leeres Namensschild und schrieb FLUPP darauf. Sie stellte es auf den freien Tisch neben Mara.
In diesem Moment wurden Flupps Zehenspitzen durchsichtig. Das war immer das erste Zeichen. Danach verblassten die Knie, der Bauch und zuletzt die Nase.
Flupp wollte noch etwas sagen, doch mitten im Satz verschwand es. Seine Stimme war ebenfalls fort.
Auf dem Stuhl war plötzlich niemand mehr zu sehen.
Das Namensschild blieb stehen.
Mara rückte ein kleines Stück zur Seite, damit auf dem Tisch genug Platz für zwei war.
Der Unterricht begann. Frau Klee zeigte den Kindern den Buchstaben A. Flupp schwebte neben Mara und passte gut auf. Es konnte nicht mit dem Finger über die Linien fahren und keinen Stift halten, doch es merkte sich jede Bewegung.
In der Frühstückspause öffneten die Kinder ihre Brotdosen. Es roch nach Äpfeln, Käsebroten und einer Banane, die schon eine sehr anstrengende Reise hinter sich hatte. Flupp schwebte von Tisch zu Tisch und betrachtete alles neugierig. Essen konnte es nur, wenn es sichtbar war. Das war einer der Gründe, weshalb Tante Klara Niespulver streng verboten hatte.
Danach ging die Klasse auf den Schulhof.
Flupp war begeistert. Kinder rannten durcheinander, sprangen Seil, malten mit Kreide und kletterten auf das Piratenschiff. Die Pause lag also keineswegs still zwischen zwei Unterrichtsstunden.
Mara stand zunächst am Rand. Sie kannte noch niemanden und wusste nicht recht, wohin mit ihren Händen. Flupp schwebte eine Weile neben ihr. Es hätte ihr gern gesagt, dass es sich an diesem Morgen genauso gefühlt hatte. Doch unsichtbar blieb ihm nur, in ihrer Nähe zu bleiben.
Dann rollte ein roter Flummi über den Hof.
Ben, der Junge vom Nebentisch, lief hinterher. Der Ball hüpfte die Stufen zur Kellertür hinunter. Ben erwischte ihn beinahe, doch der Flummi sprang durch den Türspalt. Ben zog die schwere Tür auf und schlüpfte hinein.
Im selben Augenblick fiel die Tür hinter ihm zu.
Mara hatte es gesehen. Sie lief zur Kellertreppe und drückte die Klinke herunter. Die Tür rührte sich nicht.
Von drinnen war ein dumpfes Klopfen zu hören.
Mara rief nach Ben und rüttelte noch einmal an der Tür. Dann sah sie sich nach Frau Klee um. Auf dem Hof waren so viele Kinder, dass die Lehrerin hinter bunten Jacken und hüpfenden Seilen verschwunden war.
Flupp zögerte nicht lange. Es glitt durch die Kellertür.
Dahinter war es kühl und dunkel. Ein schmaler Gang führte zwischen alten Schränken und gestapelten Stühlen hindurch. An der Decke verliefen dicke Rohre. Aus einem davon tropfte Wasser in einen Eimer.
Plipp. Plipp. Plipp.
Ben stand einige Schritte entfernt. Den roten Flummi hielt er fest in der Hand. Er rief nach draußen, doch die Tür war dick, und seine Stimme klang schon längst nicht mehr so mutig wie auf dem Schulhof.
Flupp schwebte zu ihm. Natürlich konnte Ben es weder sehen noch hören. Flupp hätte am liebsten sofort Bescheid gesagt, dass Hilfe da war.
Da erinnerte es sich an den Staub.
Ein Schulkeller ohne Staub war ungefähr so selten wie ein Gespenst mit Sonnenbrand. Auf einem Regal lag ein graues Tuch, darüber hing eine dichte Wolke aus feinen Flocken. Flupp steckte die Nase hinein.
Nichts geschah.
Es tauchte ein zweites Mal hindurch.
Nun kribbelte es ein wenig.
Beim dritten Versuch musste Flupp so heftig niesen, dass ein alter Globus auf dem Regal wackelte.
„Haaaatschi!“
Flupp erschien direkt vor Ben.
Ben fuhr zusammen und drückte den Flummi an die Brust. Als er Flupp erkannte, war seine Erleichterung jedoch größer als der Schreck.
Flupp erklärte schnell, dass es Frau Klee holen würde. Viel Zeit blieb nicht. Drei Minuten waren ohnehin kurz, und im Keller schienen sie noch schneller zu vergehen.
Da raschelte es hinter den alten Schränken.
Flupp erstarrte.
Tante Klara hatte oft vom Kellerschlurfer erzählt. Der Kellerschlurfer, so behauptete sie, sammelte verlorene Turnbeutel, einzelne Handschuhe und Kinder, die sich unerlaubt in Schulkellern herumtrieben. Flupp hatte diese Geschichte nie ganz geglaubt.
Jetzt glaubte es sie plötzlich sehr.
Das Rascheln kam näher. Etwas Großes und Dunkles schwankte zwischen den Schränken hervor. Es hatte lange Arme und einen schiefen Kopf.
Ben wich zurück.
Flupps Hemdsaum begann zu flattern. Am liebsten wäre es durch die nächste Wand verschwunden. Doch Ben konnte das nicht. Also blieb Flupp vor ihm stehen, obwohl seine Knie zitterten.
Das dunkle Ding beugte sich vor.
Ein Ärmel streifte über den Boden.
Dann kippte es mit einem kratzenden Geräusch um.
Es war ein alter Hausmeisterkittel, der auf einem Wäscheständer gehangen hatte.
Aus einer Tasche kullerte ein Staubwedel.
Ben sah den Kittel an. Flupp sah den Kittel an. Dann mussten beide lachen. Erst leise, dann immer lauter. Der gefürchtete Kellerschlurfer hatte nicht einmal Beine.
Das Lachen half. Der Keller war noch immer dunkel, doch nicht mehr ganz so schrecklich.
Flupp bemerkte, dass seine Zehenspitzen durchsichtig wurden.
Es musste sich beeilen.
Es sauste durch die geschlossene Kellertür zurück auf den Schulhof. Mara stand noch immer davor. Als Flupp plötzlich sichtbar aus der Tür schwebte, erschrak sie nur kurz. Dann lief sie neben ihm her.
Flupp entdeckte Frau Klee am anderen Ende des Hofes. Es flog über einen Ball, unter einem Springseil hindurch und knapp an einem Kind vorbei, das gerade rückwärtslief. Seine Füße waren bereits verschwunden. Kurz darauf wurden auch seine Beine blass.
Frau Klee drehte sich um.
Flupp rief, dass Ben im Keller eingeschlossen sei. Die ersten Wörter kamen laut heraus, die letzten nur noch wie ein Flüstern. Dann verschwand auch seine Nase, und mit ihr die Stimme.
Frau Klee hatte genug verstanden.
Sie holte Herrn Kruse, den Hausmeister. Er kam mit einem Schlüsselbund, an dem so viele Schlüssel hingen, dass man damit vermutlich auch eine Burg, drei Schatztruhen und das Rathaus hätte öffnen können.
Der erste Schlüssel passte nicht. Der zweite ebenfalls nicht. Beim dritten klemmte das Schloss. Erst der vierte ließ sich drehen.
Die Kellertür sprang auf.
Ben stand dahinter. In einer Hand hielt er den roten Flummi, in der anderen den Staubwedel des Kellerschlurfers.
Frau Klee nahm ihn in den Arm. Herr Kruse schimpfte leise über das alte Schloss und versprach, es noch am selben Tag zu reparieren. Mara erzählte den anderen Kindern, was geschehen war. Flupp schwebte unsichtbar daneben und hörte, wie Ben sagte, dass das kleine Gespenst trotz eigener Angst bei ihm geblieben war.
Darauf war Flupp ein bisschen stolz.
In der nächsten Schulstunde war Malunterricht. Die Kinder sollten malen, was sie an diesem ersten Schultag erlebt hatten. Ben malte die Kellertür und einen fürchterlichen Kellerschlurfer, der viel größer und gefährlicher aussah als der alte Kittel. Mara malte den Schulhof. Auf ihrem Bild stand sie nicht mehr am Rand, sondern mitten zwischen den anderen Kindern.
Als die Kinder mittags nach Hause gingen, blieb Mara noch einen Moment am Tisch stehen. Flupp war längst wieder unsichtbar, also konnte es ihr nicht antworten. Mara stellte trotzdem eine Frage in den leeren Raum.
Sie wollte wissen, ob Flupp am nächsten Morgen wiederkommen würde.
Das kleine Gespenst schwebte neben ihr und nickte eifrig, obwohl sie es nicht sehen konnte.
Mara wartete einen Augenblick. Dann lächelte sie.
„Ich nehme das als Ja“, sagte sie und lief hinaus.
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