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Ziele klar sehen

Wie Ziele uns nicht mehr knebeln können

von Betina Graf

Sicherlich, wir kennen das: wir setzen uns Ziele, die wir erreichen wollen, und merken bei der Zielerreichung, dass schon das nächste Ziel auf uns wartet. Warum wollen wir Ziele erreichen? Um voranzukommen … um unser Glück zu erreichen? Doch schon streben wir nach dem nächsten Ziel. Weiterhin fehlt etwas, denn bedeutet das nicht, ein Ziel erreichen zu wollen, dass “etwas” – unser Glück ? – noch nicht da ist?

Das Glück durch Vereinfachung und Entsagung finden

Wenn dies oder jenes eintreten würde, ja dann wären wir glücklich. Vielleicht kennen manche dieses Unbehagen dieser “Zwischenzeit”, in der wir auf ein Ziel hinstreben. Dieses Gefühl des Nicht-genug-Seins, des Noch-nicht-vollständig-Seins, des Noch-nicht-erreicht-Habens.

Sobald wir das angestrebte Ziel erreicht haben, ist ebendieses Glück erfahrungsgemäß ein kurzer Gast, es verfliegt, kaum dass wir es wahrnehmen. Vielleicht dauern unsere Glücksgefühle eine Stunde an, vielleicht einen Tag. Doch dann – wenn nicht schon vorher – machen wir Pläne für die nächsten Schritte. Neue Ziele treten auf, und es stellt sich die Frage:

Wann haben wir es (endlich) geschafft?

Doch dieses “es” ist schwer zu greifen. Wer bestimmt das? Und wenn wir vermeinen, dass wir selbst es sind, die das bestimmen: Woher wissen wir das, dass wir zu diesem Verständnis nicht aufgrund von Fremdbestimmung gelangt sind? Aber meistens bleibt dieses “es” verschwommen und undefiniert. Deshalb hat es den Anschein, dass dieser Zustand, es geschafft zu haben, im Grunde nicht eintreten kann, da es die vollständige Sicherheit nicht gibt.

Theodor Fontane hat hier eine ungewöhnliche Lösung parat, die heutzutage eher unmodern ist, da wir in der Fülle und nicht in der Entsagung das Glück suchen:

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,
es ist nicht dort und ist nicht hier.
Lern überwinden, lern entsagen,
und ungeahnt erblüht es dir.

Theodor Fontane

Leben im Hier und Jetzt

Wie unbefriedigend wäre es, wenn sich unser Leben nur stets auf eine Zielerreichung hin abspielen würde? Nach einer Zielerreichung wartet schon das nächste und übernächste Ziel auf uns. Wir wären in Zwischenräumen gefangen, in denen wir uns glücklich sein oder zufrieden sein – wenn überhaupt – nur punktuell gestatten würden.

Vielleicht kommt auf diese Weise Konfuzius zu dem Schluss, dass es nicht um das Ziel selbst geht, sondern dass es auf den Weg hin zum Ziel ankommt. Damit verleuget er nicht die Sinnhaftigkeit von Zielen, sondern macht uns darauf aufmerksam, dass wir während wir auf dem Weg sind leben. Leben also nicht als Momentaufnahme in der Zielerreichung, sondern bewusstes Leben im Fortschreiten.

Der Weg ist das Ziel.

Konfuzius

Hier können wir vielleicht ein kleines bisschen von den buddistischen Weisheiten und den Weisheiten aus dem Zen lernen, die sich – im Westen sanft “akklimatisiert” – auf die Themen “Aufmerksamkeit” und “Im Jetzt leben” konzentrieren. Genau im Jetzt, da, wo wir gerade sind, spielt sich unser Leben ab.

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