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Ein Wintermärchen: Die kleine Maus, die einfach stehen blieb
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Ein Wintermärchen: Die kleine Maus, die einfach stehen blieb

Ein Wintermärchen: Die kleine Maus

Die kleine Maus, die einfach stehen blieb

In der Nacht und vormittags war Schnee gefallen. Am Nachmittag hörte das Schneegestöber auf, und die Sonne brachte den Schnee zum Glitzern. Schneeberge türmten sich um die Häuser, wie man es lange Zeit schon nicht mehr gesehen hatte. Alles war schneebedeckt, auch die Straßen.

Nur eine einzige Trasse gab es, einen Trampelpfad, den sich Tiere getreten hatten. Es war ein außergewöhnlicher Anblick: Große und kleine Tiere gingen hintereinander, brav in Reih‘ und Glied, den schmalen Pfad entlang. Rechts und links von diesem kleinen Weg türmte sich schier unüberwindbar hoher Schnee auf.

Ich weiß nicht, wohin dieser Pfad führte, ich sah nur die Tiere langsam diesen Weg entlang schreiten: Es waren Tiere unterschiedlichster Art dabei, Elefanten und Mäuse, und viele andere Tiere.

Auf einmal passierte etwas Sonderbares: eine winzige kleine Maus blieb stehen. Niemand wusste, warum. Sie blieb einfach stehen und bewegte sich keinen Zentimeter weiter. Aber das Allermerkwürdigste war: Auch der Elefant hinter der kleinen Maus und all die anderen Tiere in der langen Reihe blieben stehen.

Ich wunderte mich sehr! Es gab kein Hindernis auf dem Weg, den die Maus zu gehen hatte. Für den großen Elefanten wäre es so einfach gewesen, vorsichtig über die kleine Maus zu steigen und seinen Weg fortzusetzen. Doch für den Elefanten war es ganz selbstverständlich, ruhig und geduldig hinter der kleinen Maus zu verweilen.

Er trieb sie gar nicht an, noch sprach er ihr Mut zu, weiterzugehen. Er fragte die kleine Maus nicht einmal, was los war. Nein, er ließ dem Mäuschen einfach ihre Zeit, die sie brauchte, um ihren Weg fortzusetzen. Und ich wunderte mich, wie ruhig die kleine Maus einfach stehen blieb. Sie schien alle Zeit der Welt zu haben.

Und dann, nach einer halben Unendlichkeit - vielleicht war es auch nur eine halbe Stunde gewesen -, setzte die Maus endlich ihren Weg fort. Wie wenn nichts gewesen wäre!

Wie ich mich so wunderte und fragte, wie so etwas wohl sein könne, dass alle Tiere in dieser langen Reihe so wohlgefällig und geduldig gewartet hatten, und obwohl ich das Ziel dieses Schneepfades gar nicht kannte, da kam mir die Antwort schon in den Sinn: Alle Tiere, wirklich ausnahmslos alle, sollten am Ziel ankommen. Es kam überhaupt nicht auf die Zeit an!

 

Betina Graf

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Bild: © darkmoon1968, pixabay.de
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Wintermärchen von Betina Graf

Diese kurze Geschichte, die sich gut als Wintermärchen oder Weihnachtsgeschichte eignet, entstand aufgrund eines Traumes. Einen Tag zuvor dachte ich, ich könnte einmal selber eine Kurzgeschichte schreiben. Daraufhin bekam ich den Traum von der kleinen Maus, die einfach stehen blieb. Gar Wunderliches trug sich zu im Traum, und heute, wo ich diesen Traum als Wintermärchen niederschreibe, da schneit es draußen und will gar nicht mehr damit aufhören.

Und die Moral von der Geschicht’: Es kommt nicht darauf an, möglichst schnell anzukommen, sondern darauf, dass alle gemeinsam gut ankommen. Oder auch: Jeder, jedem die Zeit, die sie bzw. er braucht.

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