Inspirationen auf dem Lebensweg
Beispiel einer alten Dame, die bettlägerig ist

Abschied von einer Mutter, die keine war

Dieses Gespräch einer Tochter, die sich von ihrer Mutter, die im Sterben liegt, aus der Ferne verabschiedet, soll all jenen Menschen Mut machen, die auch auf die eine oder andere Weise von ihrer Mutter verlassen wurden.

Etwas in mir sagt: ‚Mache dich auf den Weg und verabschiede dich von deiner Mutter.‘ Es hat geregnet. Vorhin gab es einen wunderschönen Regenbogen zu sehen. Ich höre auf meine innere Stimme und gehe los. Ohne Regenschirm. Ich habe meinen mp3-Player vergessen. Das Ganze soll wohl in Stille ablaufen. Ich folge meiner inneren Stimme, ohne genau zu wissen, woher sie kommt, und was das soll. Mittlerweile ist es dunkel, und ich gehe in den Park.

Ich bin nicht allein. Ich gehe in der Dunstwolke des Zigarettenrauchs dreier Jugendlicher, die ihre Hunde ausführen. Ich überhole sie und zugleich ein Liebespaar, das sich auf einer Bank eng aneinander schmiegt.

Wenn es wahr ist, dass es dieses „Höhere Selbst“ gibt, was manche “Gott” nennen, ein Bewusstsein, das auf wunderbare Weise antwortet, dann geschehen Geschichten, Episoden – alles „spricht“. Und doch suche ich einen Platz, wo ich alleine bin. Schließlich bin ich ausgerüstet mit einem Teelicht und einem Teelichthalter. Ein Abschied von der Mutter sollte von Kerzenlicht begleitet sein. Kerzenlicht hat etwas Heiliges für mich.

Ich will zu meiner Mutter sprechen. Meine Mutter ist nicht da. Sie ist weit weg. Sie ist noch nicht tot, aber sie liegt im Sterben; seit ein paar Wochen, soviel ich weiß. Ich will zu meiner Mutter aus der Ferne sprechen. Wenn es wahr ist, dass wir aus Energie bestehen, und Ort und Zeit keine Rolle spielen, dann kann ich hier, in diesem Park, an einer einsamen Stelle, mit ihr sprechen – auch wenn sie sich tausende von Kilometern auf einem anderen Kontinent befindet.

Zuerst dachte ich mir, ich hätte ihr nichts mehr zu sagen. Unsere letzten Worte waren Worte, an die man sich gerne als „letzte Worte“ erinnert. Sie waren gut. Das heißt, sie waren nicht schlecht, für das, was vorgefallen ist.

Es käme mir so vor, als gäbe es nichts mehr zu sagen. Sie hatte mich im letzten Telefonat um Verzeihung gebeten: „Entschuldigst du, dass ich dich verlassen habe, als du ein kleines Kind warst?“, fragte sie mich schlicht. Schließlich ließ sie mich in Deutschland zurück in einem Kinderheim. Doch eigentlich schon vorher, während ihrer Schwangerschaft, wo sie meine Existenz verheimlichte.

Ich sagte: „Ja, ich entschuldige“, und dachte dabei an unser Familiensystem, dass es diese Entlastung gebrauchen könnte. Und dass ich selbst nichts davon habe, wenn meine Mutter weiterhin Schuldgefühle hat. Dann sagte meine Mutter: „Ich weiß nicht, aber irgendwie mag ich dich.“ Dabei kannte sie mich gar nicht.

So dachte ich also, als ich die Nachricht bekam, dass meine Mutter im Sterben liegt, dass mit diesem letzten Telefonat ein guter Abschluss gefunden worden sei. Und heute, just heute an diesem Tag, kommt diese innere Stimme, die mir sagt: ‚Geh‘ hinaus, und verabschiede dich von deiner Mutter‘. Ich weiß gar nicht, wie das geht: sich von seiner Mutter verabschieden, die man gar nicht kennt, und die einen verlassen hat. Ich weiß nur, dass ich auf meine innere Stimme hören will.

Im Park ist ein großer, freier Platz, auf dem manchmal Kirmes ist. Er ist hauptsächlich zubetoniert. Um den Platz herum alte, im Wind rauschende Bäume. Ein sternenloser Himmel. Der Vollmond von gestern ist nicht zu sehen.

Ich gehe an den Rand des Platzes unter einen dieser Bäume, in der Hoffnung, dass ich ungestört bleibe. Von dort aus überblicke ich den großen Platz. Ich setze mich auf meinen Rucksack im nassen Gras.

Innerer Dialog mit der weit entfernten Mutter

„Mutter!“, sage ich. „Mutter! Gibt es etwas, was uns verbindet? Über die weite, weite Strecke von hier zu dir? Ich möchte sagen, ‚liebe Mutter‘. Wie sehr hast du dein Herz verschlossen, als du mich verleugnetest und verließt? Wie sehr hast du dein Herz verschließen müssen? Wie war das damals gewesen?

Also, wie soll ich dich nennen, ‚Frau‘, die du mich geboren hast? Und wie soll ich dir verzeihen, wo ich die Umstände nicht genau kenne, wo ich dich nicht kenne? Woher das Vertrauen nehmen …?

Wenn Muttertag war, und ich lese die Muttertagssprüche – ich habe eine Mutter und habe doch keine. Was soll ich denken? Ich bin nicht verloren, ich bin bei mir selbst. Und ich bin stark. Doch wie schwer fällt es mir, mich wertvoll zu fühlen – wertvoll, wo du mich weggegeben hast, mich, deine Tochter! Und jetzt diese innere Stimme, die sagt: ‚Abschied, nimm‘ Abschied von deiner Mutter‘. Ich höre auf die innere Stimme und sage trotzdem ‚Mutter, Mutter, meine Mutter’, als hätte es etwas Anrüchiges, dich ‘Mutter’ zu nennen. Du liegst im Sterben. Weit weg.

Wie soll ich Trauer empfinden? Es gibt eine diffuse Trauer, aber nicht konkret, weil die Erinnerungen fehlen. Gemeinsame gute und gemeinsame schlechte Zeiten, es gab sie so gut wie gar nicht. Belanglos war es, in den kurzen Zeiten, Stunden, Minuten, die wir uns in diesem Leben gesehen haben. Wie soll ich also von dir Abschied nehmen? Und doch will ich es tun.

Ich bin deine Tochter!

Ich will anerkennen, was du nie tatst: ich bin deine Tochter. Du hast mich verlassen, und jetzt verlässt du bald diese Welt. Ich bin traurig. Trotz alledem. Ich möchte ‚Mutter, liebe Mutter‘ sagen, möchte deine Hände halten, dich besuchen, möchte mich geliebt fühlen. Aber dein Herz ist zu verschlossen. Und jetzt würdest du mich vielleicht gar nicht mehr hören.

Frau, allein

Doch ich sitze hier und sage dir:

‚Ich nehme Abschied, liebe Mutter‘.

Trotz alledem, will ich dir verzeihen.

Ich will darauf vertrauen, dass die Umstände und das, was man mit dir gemacht hat, so waren, dass du dein Herz so stark verschließen musstest vor mir, dass du mich nicht lieben konntest. Ich habe die Schuld von dir genommen, ich will dir von Herzen verzeihen.

Liebe Mutter, oder wie du gerne genannt werden möchtest in deinen letzten Stunden:

Gehe in Frieden.
Stirb‘ in Frieden.
Alles ist gut.

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