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Narzissmus: Narzisst, der in einen Spiegel schaut

Narzissmus: wenn Arroganz krankhaft wird

Narzissmus – dieses Wort, das Selbstverliebtheit und Egozentrismus bis hin zur psychischen Erkrankung beschreibt, wird vor allem online immer häufiger verwendet. Dabei handelt es sich nicht nur um einen sprachlichen Trend: Social Media und die damit verbundene kontinuierliche Selbstdarstellung scheinen narzisstische Tendenzen zunehmend zu fördern. Erfahren Sie in diesem Artikel, was Narzissmus eigentlich ist.

Zur Wortherkunft und Bedeutung von “Narzissmus”

Der Begriff Narzissmus – Betroffene werden als Narzissten bezeichnet – erinnert Sie wahrscheinlich an eine Narzisse bzw. Osterglocke. Das kommt nicht von ungefähr, denn beide Begriffe leiten sich von der Sage über den Jüngling Narziss ab. Dieser gutaussehende junge Mann, der all seine Verehrer und Verehrerinnen zurückwies, wurde laut der Sage dafür von der Göttin Nemesis bestraft: Er verliebte sich unsterblich in sein eigenes Spiegelbild, das er in einem Gewässer erblickte, und starb schließlich, unfähig, sich selbst auch nur einen Moment nicht zu bewundern. Nach seinem Tod soll er sich in eine Narzisse verwandelt und der Blume so ihren Namen gegeben haben.

Narzissmus in moderner Zeit

In moderner Zeit wird der Begriff Narzisst im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet, um eine selbstverliebte, nur auf sich selbst bedachte Person zu beschreiben. Narzissten kümmern sich in erster Linie um sich, sehen sich als allen anderen überlegen und lechzen nach ständiger Bewunderung.

Von diesem eher alltagssprachlichen Gebrauch abzugrenzen ist der medizinische Begriff der sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, denn dabei handelt es sich um eine offiziell nach den gängigen Diagnose-Katalogen anerkannte Diagnose. Betroffenen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann durch psychologische Therapien geholfen werden. Wenn Sie vermuten, dass Sie selbst oder ein Ihnen nahestehender Mensch an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, sollten Sie sich um psychologische Hilfe bemühen – jedoch sollten sie andere nicht um jeden Preis dazu zu überreden versuchen, denn Menschen mit narzisstischen Zügen können sehr anstrengend sein. Bitte erschöpfen Sie Ihre mentalen Reserven nicht über Gebühr.

Wann wird Narzissmus zum Problem?

Außerhalb des klinisch-psychologischen Bereichs (in Form der sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung) ist Narzissmus nicht eindeutig definiert. Das führt dazu, dass sich im Alltag ein ganzes Spektrum an Narzissmus und vermeintlichem Narzissmus ergibt. Manche Narzissten manipulieren ihre Mitmenschen auf bösartige Weise, um sich selbst überhöht darstellen zu können – in anderen Fällen haben die als “narzisstisch” Bezeichneten lediglich eine gute Portion Selbstbewusstsein, die ihnen von ihrem Umfeld negativ ausgelegt wird. Tatsächlich tendieren wir als christlich geprägte Gesellschaft dazu, Bescheidenheit und Demut zu idealisieren, während Souveränität rasch als Arroganz verunglimpft wird.

Wann also wird Narzissmus zum Problem? Dann, wenn er den Bereich der realistischen Einschätzung verlässt und zu einer Belastung für zwischenmenschliche Beziehungen oder auch für die eigene Psyche wird. Wenn Fehler nicht mehr eingestanden werden können, wenn die Selbstprofilierung wichtiger wird als Freundschaften und Liebesbeziehungen, wenn der Druck, andere zu beeindrucken, so groß wird, dass sich das ganze Leben ausschließlich darum dreht – spätestens dann ist es an der Zeit, einzuschreiten.