Inspirationen auf dem Lebensweg
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Schöne Sprüche und Weisheiten von Rainer Maria Rilke

(geb. 4.12.1875 Tschechien - 29.12.1926), bedeutender Lyriker deutscher Sprache

Ausgewählte Sprüche von Rainer Maria Rilke

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke
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Frau, über der ein Ball als Erde schwebt

Solang du Selbstgeworfnes fängst,
ist alles Geschicklichkeit und lässlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin dir zuwarf,
deiner Mitte, in genau gekonntem Schwung,
in einem jener Bögen aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, –
nicht deines, einer Welt.

Und wenn du gar zurückzuwerfen
Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest …
(wie das Jahr die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -)
erst in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume …

Rainer Maria Rilke

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit.
Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein,
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin,
und jage die letzte Süße
in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandeln, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Auch ist mir kein Weihnachten,
wo es auch war, vergangen,
ohne dass es hinter meinen
geschlossenen Augen für eine Sekunde
unbeschreiblich hell wurde.

Rainer Maria Rilke
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Mädchen, das einen Weg entlang geht

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass’ Dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Vorwärts

Immer vorwärts! Deine Stärke
liegt in deiner eignen Brust,
nur dass du sie erst durch Werke
unermüdlich wecken musst.

Tändelnd hüpft mit Lebestönen
wohl der Bach durchs flache Land,
doch er stürzt mit Donnerdröhnen
nieder von der Felsenwand.

Erst bei jenen Hindernissen
fühlt er, dass er Stärke barg,
Eichen hat er mitgerissen!
Das bedenke! – und sei stark!

Lass nie ungenützt ein Heute
rasch entfliehn bei Lust und Scherz,
manch gute Körnlein streute
dir dein Schicksal in das Herz.

Lass ein jedes sorgsam reifen,
denn für jedes kommt die Frist;
so erst lerne, zu begreifen
wie unendlich stark du bist.

Tief aus deinem Innern ranke
mählich sich zum Licht die Saat,
erst Empfindung, dann Gedanke,
Wort hierauf, und endlich: Tat!

Rainer Maria Rilke
Lila Blume als Symbol für Leben und Sterben

Vergangen nicht,
verwandelt ist,
was war.

Rainer Maria Rilke

Du meine heilige Einsamkeit

Du meine heilige Einsamkeit,
du bist so reich und rein und weit
wie ein erwachender Garten.

Meine heilige Einsamkeit du –
halte die goldenen Türen zu,
vor denen die Wünsche warten.

Rainer Maria Rilke

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

Rainer Maria Rilke
Winterwald

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke gelingt es, seine Gedichte mit einem ganz besonderen Zauber zu umgeben. Advent hier einmal aus Sicht einer Tanne …

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Lila Blüten in einer Schale

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach Neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Rainer-Maria Rilke hat eine ganz besondere Poesie, die Begebenheiten des Lebens wunderbar auszudrücken, so wie auch hier in seinem Gedicht über das Leben und die Freude – das Leben als Fest. Ein Gedicht, das sich besonders für ein Poesiealbum eignet.

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Geige mit Noten darunter

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle,
die nicht weiterschwingt,
wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke

Dieser wunderbare Liebesspruch von Rainer Maria Rilke entführt uns in eine spirituelle Welt, in die Welt der Seele. Doch nicht nur in einer Liebesbeziehung können wir vielleicht manchmal dieses harmonische Zusammenspiel betrachten, auch mit Freunden oder in der kurzen Begegnung mit einem Fremden kann eine zauberhafte oder beglückende Begegnung in einem besonderen Moment gelingen. Nehmen wir diese Augenblicke wahr und erfreuen wir uns an ihnen, so wie wenn wir schöne Blumen am Wegesrand ansehen. Wir müssen Sie nicht pflücken, sie gehören uns nicht, und doch können sie in unserem Gemüt als eindrucksvolle Erinnerung nachwirken.

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Weiße Nacht im Advent

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke
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Es ist gut, manchmal
die Sorgen so zu behandeln,
als ob sie nicht da wären;
das einzige Mittel,
ihnen ihre Wichtigkeit
zu nehmen.

Rainer Maria Rilke

Die Anfänge werden schwerer

Die Anfänge werden immer schwerer,
und das Glück, Anfänger zu sein,
das ich für das Größte halte, ist
neben der Angst des Anfangs klein.

Rainer Maria Rilke
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Keine Straße ist lang
mit einem Freund an der Seite.

Rainer Maria Rilke
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Tröstende Hand

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
Schneebedeckte Tannen für Gedicht zum Advent und Weihnachten

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

Rainer Maria Rilke
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Niemals bin ich allein.
Viele, die vor mir lebten und
fort von mir strebten, webten,
webten an meinem Sein.

Rainer Maria Rilke
Sonnenuntergang im Winter

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann presst er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

Rainer Maria Rilke

Ich möchte dir ein Liebes schenken…

Ich möchte dir ein Liebes schenken,
das dich mir zur Vertrauten macht:
aus meinem Tag ein Deingedenken
und einen Traum aus meiner Nacht.

Mir ist, dass wir uns selig fänden
und dass du dann wie ein Geschmeid
mir lösest aus den müden Händen
die niebegehrte Zärtlichkeit.

Rainer Maria Rilke
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Zwei Kinder, die sich an den Händen halten

Aber ach, sie, die Kinder, dürfen nicht sein, wie sie sind. Sie werden auch von den Eltern, die es gut meinen, tausendfach beeinträchtigt in ihrem Recht: zu sein. Sie werden, wenn sie ›brav‹ sind, wie junge Katzen behandelt, und wenn sie ›schlimm‹ sind, wie Verbrecher. Nie wie Menschen. Es gibt noch keine Eltern, welche in ihrem Kinde vom ersten Tage an die neue Individualität sehen und achten, die doch mit jedem neuen Kinde im Keime gegeben ist. Die Besten streben danach, ›etwas aus ihrem Kinde zu machen‹, und ahnen nicht, wie sehr sie sich damit an dem Leben versündigen, das nicht gemacht, sondern nur genährt sein will.

Rainer Maria Rilke
Abstrakte Zeichnung

Tage,

wenn sie scheinbar uns entgleiten,
gleiten leise doch in uns hinein,
aber wir verwandeln alle Zeiten;
denn wir sehnen uns zu sein ….

Rainer Maria Rilke
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Roséefarbene, einzelne Rose

Es gibt Augenblicke,
in denen eine Rose wichtiger
ist als ein Stück Brot.

Rainer Maria Rilke

Auch zu lieben ist gut:
denn Liebe ist schwer.
Liebhaben von Mensch zu Mensch:
das ist vielleicht das Schwerste,
was uns aufgegeben ist, das Äußerste,
die letzte Probe und Prüfung,
die Arbeit, für die alle andere Arbeit
nur Vorbereitung ist.

Rainer Maria Rilke
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Bild für Trauersprüche mit Kerze und roten Tulpen sowie einem kleinen Herz

Wenn etwas uns fortgenommen wird,
womit wir tief und wunderbar zusammenhängen,
so ist viel von uns selber mit fortgenommen.

Gott aber will, dass wir uns wiederfinden,
reicher um alles Verlorene und vermehrt um
jenen unendlichen Schmerz.

Rainer Maria Rilke
Wunderschöne, mit Tau bedeckte, roséefarbene Blüte einer Rose

Jeder Tag ist der Anfang eines Lebens,
jedes Leben ist der Anfang der Ewigkeit.

Rainer Maria Rilke
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Dies ist Weihnachten, einmal im Jahr diese Erwartung in sich fühlen, dieses feste, durch nichts enttäuschbare Anrecht, – fühlen, dass unsere größten Wünsche, wenn wir sie nur recht ins Herz fassen, nicht unerfüllt bleiben können, dass wir gar keinen Moment den Wunsch, sondern eigentlich schon immer die kleine Erfüllung in uns tragen.

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke in einem Brief an seine Mutter, über Weihnachten: Wie wunderschöne Zeilen Rainer Maria Rilke in seinen Briefen doch verfassen konnte!

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Fee im Blumenland

Alle Kraft, die wir fortgeben,
kommt erfahren und verwandelt
wieder über uns.

Rainer Maria Rilke

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Rainer Maria Rilke
Neujahrswunsch

Und nun wollen wir glauben
an ein langes Jahr, das uns gegeben ist,
neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe,
Anspruch und Zumutung; und wollen sehen,
dass wirs nehmen lernen, ohne allzu viel
fallen zu lassen von dem, was es
zu vergeben hat, an die, die Notwendiges,
Ernstes und Großes von ihm verlangen.

Rainer Maria Rilke
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Rote Katze auf dem Dach, die sich dehnt

Das Leben und dazu eine Katze,
das ergibt eine unglaubliche Summe,
ich schwör’s euch!

Rainer Maria Rilke
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